Pfarrer Jens Keil
Die Predigt am Altjahresabend:
Jesaja 30,15-17

Liebe Gemeinde am Altjahresabend,
es ist immer eine besondere Gemeinde, die an Sylvester in der Lukaskirche zusammenfindet. Nicht die übliche Gottesdienstgemeinde sitzt da in den Reihen – sondern es finden sich auch Menschen ein, die es sonst nicht so regelmäßig in die Kirche treibt.
 
Und Sie alle bringen Ihr eigenes Jahr 2010 mit. Sicher – das große und kleine Weltgeschehen hat uns mehr oder weniger umgetrieben: Der Ölteppich im Golf von Mexiko oder der Rücktritt der Bischöfin Margot Käßmann. Da waren Lenas Sieg in Oslo und die Fußballweltmeisterschaft. Ein Vulkan, dessen Name niemand aussprechen kann, legte den Flugverkehr lahm. Die Wirtschaftsprognosen lagen mal wieder  falsch – dieses Mal gottseidank.
 
Aber sind wir doch ehrlich: Bundespräsidenten kommen und gehen – das interessiert uns – bewegt uns aber nicht wirklich. Was uns wirklich angeht, sind die eigenen Geschichten, die Ereignisse in unserem eigenen Leben, die Siege, die Niederlagen, die freudigen Überraschungen und die Katastrophen – das bewegt uns - und natürlich die Frage wie es weiter gehen wird mit uns und unseren Lieben.
 
Mancher von uns schaut bang nach vorne, unsicher, unwissend. Manche freuen sich auf die Veränderungen und manche eher nicht – je nach Naturell. Manche lassen befreit etwas zurück – andere sind ganz ergriffen von einem Verlust oder einem einschneidenden Ereignis, dessen Last sie mithinübertragen in das neue Jahr.
 
Und so bringt an diesem Abend jede und jeder von uns eigene Gefühle mit. Dankbarkeit, Wehmut, Schmerz und Freude, Vorfreude, Angst und Sorge – ein wenig von allem wird wohl in uns allen sein.
 
Gemischte Gefühle werden auch die Menschen in Israel gehabt haben in jener Zeit, als sie die Worte des Propheten Jesaja hörten, die uns im Predigttext für den heutigen Abend vorgegeben sind. Auch sie hatten sich, hatten Gott und deshalb den Propheten gefragt: „Wie wird es weitergehn? Was wird werden? Und der unbeliebte Prophet Jesaja hatte ihnen geantwortet, in wenigen leisen Sätzen
 
Denn so spricht Gott der HERR, der Heilige Israels: Wenn ihr umkehrt und still bleibt, so wird euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein.
Aber ihr wollt nicht und sprecht: »Nein, sondern auf Rossen wollen wir dahinfliegen«, - darum werdet ihr dahinfliehen, »und auf Rennern wollen wir reiten«, - darum werden euch eure Verfolger überrennen.

 
Denn euer tausend werden fliehen vor eines einzigen Drohen; ja vor fünfen werdet ihr alle fliehen, bis ihr übrigbleibt wie ein Mast oben auf einem Berge und wie ein Banner auf einem Hügel.
 
Liebe Gemeinde, das sind definitiv nicht die Worte, die wir hören wollen. Sie erscheinen wenig tröstlich. Sie malen eine schreckliche Zukunft an die Wand: Die Verfolger werden die Fliehenden überrennen, nur ein Mast auf dem Berg wird übrigbleiben, ein verlorenes Banner, das im Wind flattert.
 
Man muss die besonderen Umstände kennen, um zu verstehen. Botschafter hatten dem König Hiskia berichtet, dass sich die assyrischen Truppen des mächtigen Königs Sanherib auf Jerusalem zu bewegen.
 
Hektische Aktivität beginnt. In höchster Eile werden die Verbündeten benachrichtigt. Truppen werden aufgestellt, die Waffen der Reiter, eine Eliteeinheit, auf den neuesten Stand gebracht. Die Stadt wird für die Verteidigung vorbereitet, die Mauern ausgebessert, die Zisternen mit Wasser und die Vorratsscheunen mit Getreide gefüllt. Alle sind in Aufregung, voller Angst, voller Hektik, alles rennt, alles eilt, niemand hat Zeit Nachzudenken, einen klaren Gedanken zu fassen. Schneller und immer schneller - der Feind steht vor den Toren. Chaos! Krieg. Der Tod wird sich seinen Raum nehmen.
 
In diese Zeit hinein spricht der Prophet Jesaja seine Worte. Eindringlich redet er: „In Umkehr und politischer Zurückhaltung liegen eure Rettung, in Stillehalten und Vertrauen findet ihr Stärke.“ Nicht eine aggressive Politik, nicht Hektik und Eile fordert er, sondern in der Ruhe des Glaubens liegt die Kraft. Stille, in der man trotz der drohenden Katastrophe wieder zu sich selbst findet, zu Gott, in der man einen klaren Gedanken fassen kann.
 
Aber niemand hört auf ihn. König und die Politiker setzen auf Rüstung und Machtpolitik. Die Reflexe funktionierten damals wie heute:  Angst versetzt in Hektik. Chaos umnebelt den Verstand. Beides provoziert eine aggressive Reaktion. Dagegen Jesaja: „Durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein“.
 
Politisch hat Jesaja den Menschen damals einen klugen Rat gegeben. Das kleine Land Juda konnte Assyrien nicht standhalten. Vielleicht hätte König Sanherib einen Tribut verlangt. Vielleicht wäre er an Jerusalem vorbeigezogen, ohne Krieg und ohne Kampf.
 
 „Aber ihr wollt nicht“, schreibt Jesaja und deshalb kam es wie es kommen musste. Das Land Juda wurde zerstört. Menschen starben. Die Reiter flohen und nichts blieb übrig außer einem kleinen machtlosen Stadtstaat als einsamer Mast in den Bergen Judäas.
 
Liebe Gemeinde am Altjahresabend, wir verstehen unseren Predigttext nun als ein Wort, das Jesaja in eine bestimmte Situation hinein gesprochen hat. Wir kennen jetzt die Hintergründe, warum er zu Umsicht mahnt und zur Hoffnung auf Gott. Sein so trostloses Wort gilt nicht uns, Gott sei Dank, sondern einem Land, das vor 2700 Jahren nicht auf den warnenden Propheten hören wollte.
 
Und doch erkennen wir, dass die Menschen damals nicht anders waren als heute. Die Probleme mögen unterschiedlich gewesen sein, zeitbedingt, ihr unkluges Verhalten war es nicht.
 
Da ist zum einen der Machbarkeitswahn. Fürwahr – die Selbstüberschätzung der Menschen ist uns weiß Gott nicht fremd. Das Medikament Viagra garantiert den immerpotenten Mitfünfziger, der Schönheitschirurg modelliert den Menschen nach Belieben zur Einheitsbarbiepuppe – und die breite Masse kann auf RTL2 zuschauen wie die Götter in Weiß aus einem hässlichen Entlein eine Prinzessin erschaffen. Die Wirtschaftskrise ist gerade mal ein Jahr vorbei und schon haben alle vergessen, was damals den Zusammenbruch herbeigeführt hat. Die Macht der Banken und ihrer Chefs ist ungebrochen. Der Markt wird sich schon regulieren. Und in der Tat: Die hektische Betriebsamkeit des Aufschwungs erstickt jede Kritik im Keim. Es funktioniert ja. Wir müssen nichts tun. Selbst die Arbeitslosenzahlen sehen nach einigen kosmetischen Korrekturen gut aus.
 
Ja – wir kennen das gut. Und wir kennen auch die Sehnsucht, das Leben unter Kontrolle haben zu wollen. Sicher – man muss das Leben planen und gestalten. Man muss vorausschauen, die Optionen offen halten. Man kann nicht einfach nur die Hände in den Schoß legen und hoffen, dass alles gut wird.
 
Auf der anderen Seite sind wir grenzenlos überfordert mit unserem Leben. Unvorhergesehenes wirft uns aus der Bahn. Manchmal bleibt nichts wie es ist. Trotz allen Vorkehrungen – die Kinder verändern sich in eine ganz andere Richtung, plötzlich steht man beruflich an einer ganz anderen Stelle, - was hat man geplant und was hat man sich in schlaflosen Nächten den Kopf zerbrochen – und dann kommt es doch ganz anders.
 
Ja – da können wir mitreden. Und wir kennen auch das Gefühl, wenn die Angst vor einer Katastrophe oder auch eine Katastrophe selbst uns derart aus der Bahn werfen, dass wir nicht mehr wissen, wo uns der Kopf steht, dass wir keinen klaren Gedanken mehr fassen können. Alles geht drunter und drüber. Wir sind wie im Nebel. Wir verfallen in hektische Betriebsamkeit, fangen fünf  Dinge gleichzeitig an und führen sie doch nicht zu Ende. Und das ist ein Teufelskreis, denn umso mehr das Chaos uns erfasst, umso mehr Chaos richten wir an.
 
Liebe Gemeinde – ja wir kennen das alles – mögen die Probleme der Menschen damals nicht unsere Probleme sein – ihr Verhalten ist doch wie das unsere. Machbarkeitswahn. Angst als schlechter Ratgeber im Chaos. Tod als Unruhestifter und die Schwierigkeit, das Leben aus der Hand zu geben. Wir reagieren ja immer gleich. Es ist wie ein Drehbuch, aus dem wir uns kaum oder nur schwer befreien können. Wir folgen dem Plot – auch wider besseres Wissen.
 
Und da ist es gut, das Wort Jesajas sich vor Augen zu führen. Es ist ein zeitloser Rat, den er gibt. Er möchte den Menschen zeigen, dass es wirklich manchmal besser ist, die Hände in den Schoß zu legen, zu glauben, zu vertrauen und zu hoffen. Er möchte uns Menschen von unserer grenzenlosen Überforderung befreien, unser Leben alleine leben zu müssen, es alleine zu gestalten und zuletzt ausbaden zu müssen. Denn eigentlich verlangt er nichts anderes als ein wenig Vertrauen in Gott, der in allem was ist und geschieht die einzige Sicherheit ist, die wir haben.
 
Natürlich müssen wir unser Leben gestalten – aber es gilt auch den richtigen Zeitpunkt zu finden, wenn es heißt, das Leben loszulassen, es geschehen zu lassen und zu sagen – jetzt mach du.
 
Das verlangt unwahrscheinlich viel Mut. Der Philosoph Kierkegard spricht von einem Sprung in den Glauben als wie einem Sprung in das Nichts. Aber gerade dann, wenn es offensichtlich ist, dass wir es nicht in der Hand haben, gerade dann, wenn wir hoffnungslos überfordert sind. Gerade dann, wenn wir Spielball des Lebens sind – dann den Mut haben zu erkennen, dass man nichts ausrichten kann, dass man nichts tun kann, als sich, sein Leben und seine Lieben der Hand Gottes anzuvertrauen, sich fallen zu lassen in dem Vertrauen, dass man aufgefangen wird - diesen Punkt zu erreichen kann die Ruhe schenken, die in der Kraft des Glaubens liegt:
 
Wenn eine große Herausforderung ihren Schatten vorauswirft, wenn man aufgeregt ist und an sich zweifelt, dann diesen Punkt zu finden: Jetzt mach du.
Wenn man einen Menschen gehen lassen muss. Ein Kind vielleicht, wenn es in die Welt hinaus zieht – einen lieben Menschen, der gestorben ist – dann ihn in die Hände Gottes zu befehlen und zu sagen: Jetzt mach du.
 
Menschen, die im Sterben liegen und dem Tod ins Augen schauen, wenn sie diesen Punkt erreichen, nach langem Kampf vielleicht erst – wenn sie dann sagen können: Jetzt mach du. Dann ist es ihnen möglich ruhig zu sterben.
Wie Jesus im Garten Gethsemane: Nicht mein Wille geschehe. Wie Jesus am Kreuz – in deine Hände befehle ich meinen Geist.
 
Das genau ist gemeint, was Dietrich Bonhoeffer geschrieben hat - welches Lied wir – wie jedes Jahr an diesem Abend singen werden: „Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet – so lass uns hören jenen vollen Klang – der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet all deiner Kinder hohen Lobgesang.“ 
 
Gebe Gott, dass wir diesen Sprung immer wieder wagen. Gebe Gott, dass es uns immer wieder gelingt, unser Leben und das unserer Lieben seinen liebenden Händen anzuvertrauen. Gebe Gott, das uns die Kraft, die in der Ruhe des Glaubens liegt, immer wieder erfüllt.
 
Gott Raum lassen. Ihn zu glauben in allem, was kommt. Darauf zu vertrauen, dass er mit offenen Armen auf uns wartet. Hier …, dort  … wo immer. Möge das uns beruhigt in das kommende Jahr gehen lassen.
 
Amen

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