Pfarrer Jens Keil
Die Einführung

Wir haben uns dieses Jahr mit dem letzten und wohl rätselhaftesten Buch der Bibel beschäftigt, der Offenbarung des Johannes. Sie wurde Ende des ersten Jahrhunderts auf Patmos, einer kleinen Insel vor der Westküste Kleinasiens, geschrieben. Im Altertum war die heutige westliche Türkei die römische Provinz Asia mit den Städten Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodicea, in denen der Apostel Paulus christliche Gemeinden gegründet hatte.
 
Der erste Teil der Offenbarung besteht aus sieben Briefen an diese sieben Stadtgemeinden, in denen Johannes sie mahnt, tröstet und belehrt. Um ihre tröstende Botschaft zu entfalten, bedient sich die Offenbarung im zweiten Teil einer für uns heute manchmal nur schwer verständlichen Bildersprache, die aber den Christen der damaligen Zeit durchaus vertraut war. Die Botschaft lautet: Gegen allen Anschein und trotz aller Bedrängungen in dieser Welt ist Gott der Herr der Geschichte, der alles Unrecht in einem Endgericht ins Lot bringen wird. Durch den Opfertod des Lammes wird er für die, die an ihm festhalten, einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen. Das Buch endet mit der Vision vom himmlischen Jerusalem.
 
Wer war dieser Johannes? In den Versen neun bis elf schreibt er: „Ich, Johannes, schreibe euch von der Insel Patmos. Ich bin euer Bruder und teile mit euch die Bedrängnis und die Hoffnung auf Gottes neue Welt und die Standhaftigkeit im Ausharren bei Jesus. Ich bin hierher verbannt worden, weil ich öffentlich verkündet habe, was Gott gesagt hat und wofür Jesus als Zeuge eingetreten ist. Am Tag des Herrn nahm der Geist Gottes von mir Besitz. Ich hörte hinter mit eine laute Stimme, die wie eine Posaune klang. Sie sagte: Schreib das, was du siehst, in ein Buch und schicke es an die sieben Gemeinden in Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodicea.“
 
Man nimmt an, dass Johannes ein Jude aus Jerusalem war, der zum christlichen  Glauben gefunden hatte. Infolge des jüdisch-römischen Krieges und der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 hatte er wohl das Land Israel verlassen und war in die Provinz Asia gelangt, wo er als hochgebildeter und biblisch außerordentlich belesener Wanderprediger die christlichen Gemeinden der sieben Städte aufsuchte.
 
In jeder dieser Städte gab es einen römischen Tempel, in dem der römische Kaiser sich als Gott anbeten ließ. Christen, die dem Kaiser die geforderte göttliche Verehrung verweigerten, stellten sich damit außerhalb der Gesellschaft und mussten mit Leiden und Verfolgung rechnen. Immer wieder fanden Prozesse gegen die Christen statt, die mit dem Tod enden konnten.
 
Plinius, römischer Schriftsteller und kaiserlicher Bevollmächtigter in Kleinasien, beschreibt das folgendermaßen: „… Ich habe sie gefragt, ob sie Christen seien; wer gestand, den habe ich unter Androhung der Todesstrafe ein zweites und drittes Mal gefragt. Blieb er dabei, ließ ich ihn  zur Hinrichtung führen.“
 
Nur Christen, die römische Bürger waren, entgingen diesem Schicksal. Für sie lautete das Urteil häufig Verbannung. Die Verbannung wurde im römischen Recht anstelle der Todesstrafe „bei freien römischen Bürgern der besseren Stände“ praktiziert.
 
Auf diese Weise wird Johannes auf Patmos gelandet sein, von wo aus er seine Gemeinden in Briefen seelsorgerlich anleitete. Er will sie trösten in Verfolgung, Lebensgefahr und Ausgegrenztheit, und er will sie stärken, damit sie sich nicht mit ungerechten Situationen abfinden. Johannes nimmt die Perspektive der Opfer des römischen Machtsystems ein, er gibt den Verfolgten und Mundtotgemachten eine Stimme.
 
Diesen Bildern der Wirklichkeit setzt Johannes dann im Bild des himmlischen Jerusalems den kosmischen Advent, das universale Friedensreich Gottes entgegen, in dem Gott mit seiner alles Dunkle überwindenden Nähe und Zuwendung bei den Menschen wohnen wird – wie im Paradies. So schließt sich der biblische Kreis zwischen dem Garten Eden, dem Sündenfall und den erlösten Menschen im himmlischen Jerusalem.

Bilder vom Egli Gottesdienst
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Die Geschichte des Johannes von Patmos

Als eben die Sonne über Patmos aufgegangen war, erhob sich eine ältere Frau von ihrem Lager, packte einen Korb voll mit Lebensmitteln und eilte durch das Stadttor. Die Stadt lag auf einem Hügel, und da es ein klarer Tag war, konnte man die Nachbarinseln und das Festland in der Ferne sehen. Der Weg wand sich den Hügel hinab, am zerklüfteten Meeresufer entlang und stieg dann wieder hügelan.
 
Die Frau hieß Helena und war auf dem Weg zu dem Propheten Johannes. Vor Jahren war er, von römischen Soldaten begleitet, als Verbannter auf die Insel gekommen. Schon bald hatte er begonnen, von dem einen Gott und dessen Sohn Jesus zu predigen, der auf die Erde gekommen und gestorben war, um die Menschen zu erlösen. In der Nähe des Meeresufers hatte Johannes auf einem Felsen Menschen im Namen Jesu getauft. Von weitem hatte Helena diese taufen beobachtet, und eines Tages hatte sie sich ein Herz gefasst und sich auch taufen lassen. Seit dieser Zeit besuchte sie den Seher regelmäßig.
 
Als sie aus einem schattigen Kieferwäldchen heraustrat, sah sie schon in einer Felswand, die sich nahe dem Wege erhob, den gewölbten Eingang zur Grotte des Propheten. Hier lebte er und hier schrieb er Briefe an die kleinasiatischen Gemeinden.
 
Wie sie ihn wohl heute antreffen würde? Manchmal saß er eifrig schreibend an seinem einfachen Holztisch, manchmal auch war ihm der müde Kopf auf die Tischplatte gesunken, und er schlief. Dann setzte sie sich still in eine Ecke und ließ ihn schlafen.
 
Wenn er dann irgendwann erwachte, sah er sie mit roten und müden Augen an und erzählte, dass er die ganze Nacht nicht geschlafen hatte. Jesus selbst habe ihm in Bildern und Visionen eine Botschaft an die Gemeinden in Asia gegeben und ihm den Auftrag erteilt, sie in Briefen an die Stadtgemeinden zu schicken. Immer wieder betonte er, dass er nicht aus eigener Vollmacht an die Christen Asias schreibe, sondern nach Weisung seines erhöhten Herrn, der auch der Herr der Kirche und Geschichte ist.
 
Helena wusste auch, dass diese Briefe in den Gemeindeversammlungen vorgelesen wurden und als Rundbriefe von einer Gemeinde zur nächsten wanderten.
 
Manchmal las er ihr auch vor, was er nachts in seinen Visionen gesehen und für die Gemeindebriefe aufgeschrieben hatte. Viele der Bilder, in denen der Herr mit Johannes sprach, verstand Helena nicht, die meisten machten ihr Angst. Sieben Posaunen werden erschallen und sieben Zornschalen ausgegossen. Jede Posaune, jede Schale verursacht unvorstellbare Plagen: Die Erde verbrennt, das Meer wird blutig. Die Gestirne verfinstern sich und Sterne fallen vom Himmel. Sie hatte beim Zuhören gedacht: „Wenn vor den Augen eines Menschen Sterne vom Himmel fallen, dann gibt es für ihn nur noch Aussichtslosigkeit und Nacht.“ Ein Tier wird vom Teufel auf den Thron gesetzt, und die Menschen beten es an. Eine Streitmacht tötet ein Drittel der Menschheit. Diese und andere Bilder aus den Visionen hafteten in ihrem Gedächtnis und erfüllten sie mit Entsetzen.
 
Johannes hatte ihr erklärt, dass die Christenheit schweren Zeiten entgegen ginge. Leiden und Verfolgung, Anfechtung und Bedrängnis würden durch gottlose Menschen und Mächte des Bösen auf die Menschen zukommen. Aber Christen sollten wissen, dass Anfang und Ende beim Herrn und bei Jesus liegen – alle Wege führen zu Gottes Ziel. Diese Erklärung hatte sie getröstet und beruhigt. Sie wusste nun: Zu allen Zeiten, in aller Drangsal können sich Christen auf Gottes Verheißung verlassen: „Siehe, ich mache alles neu.“
 
Als Helena die Grotte betrat, fand sie sie leer vor. Wahrscheinlich war Johannes an seinem Lieblingsplatz, von dem aus er einen weiten Blick über die Insel und das Meer hatte. Dorthin eilte sie.
 
Schon von Weitem sah sie ihn dort sitzen. Als er ihre Schritte hörte, drehte er sich um, und sie sah, dass sein Gesicht vor Freude strahlte. Er rief ihr zu:
„Helena, Gott schenkte mir eine wunderbare Vision! Ich sah, wie die Mächte der Finsternis zerstört wurden und die Macht des Todes endgültig gebrochen.
 
Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen [….]. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, jetzt wohnt Gott bei den Menschen! Und er wird bei ihnen bleiben und sie werden sein Volk sein und er selbst wird ihr Gott sein.
 
Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein. Und wer im Buch des Lebens steht … , der wird an der zukünftigen Herrlichkeit teilhaben.
 
Ein Engel sagte zu mir: Ich will dir etwas zeigen. Und in der Vision trug mich der Engel auf die Spitze eines hohen Berges. Er zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott aus dem Himmel herabkam. Sie strahlte die Herrlichkeit Gottes aus und glänzte wie ein kostbarer Stein. Sie war von einer hohen Mauer mit 12 Toren umgeben. Die Mauer bestand aus Jaspis. Die Stadt selbst war aus reinem Gold erbaut, das so durchsichtig war wie Glas. Die 12 Tore waren 12 Perlen. Jedes Tor bestand aus einer einzigen Perle. Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt. Gott, der Herrscher der ganzen Welt, ist selbst ihr Tempel, und das Lamm mit ihm. Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, damit es hell in ihr wird. Die Herrlichkeit Gottes strahlt in ihr, und das Lamm ist ihre Leuchte. In dem Licht,  das von der Stadt ausgeht, werden die Völker leben. Ihre Tore werden den ganzen Tag offenstehen, mehr noch: Sie werden nie geschlossen, weil es dort keine Nacht gibt. Pracht und Reichtum der Völker werden in die Stadt gebracht. Aber nichts Unwürdiges wird Einlass finden. Wer Schandtaten verübt und lügt, kann die Stadt nicht betreten. Nur wer im Lebensbuch des Lammes aufgeschrieben ist, wird in die Stadt eingelassen.
 
Und Jesus sprach: „Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende. Wer dies hört, soll sagen: Komm! Wer durstig ist, soll kommen, und wer von dem Wasser des Lebens trinken will, wird es geschenkt bekommen. Ja, ich komme bald!“
 
Und Johannes und Helena sprachen: „Amen. Ja – komm doch, Herr Jesus! Deine Gnade sei mit uns allen.“

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