Pfarrer Jens Keil
Predigt am 2. Advent PIII: Mt 24,3-14
Liebe Gemeinde, es war vor zwei Wochen, dass der Gerlinger Pfarrer Burkhard Bartel die 9. und 10. Klassen in der Gerlinger Realschule besucht hat. Nicht allen von Ihnen wird dieser Name etwas sagen. Pfarrer Bartel ist angesichts der prekären Pfarrersituation in Gerlingen als Vertretung an der Schillerhöhe und in der Petruskirchengemeinde eingesetzt.
Pfarrer Bartel war 1994 Auslandspfarrer in Ruanda. Auch wenn die Jahreszahl in Vergessenheit geraten ist, das Land steht weltweit für unsagbare Grausamkeit und Völkermord. In 100 Tagen wurden 1 Million Menschen hingemetzelt – meist von Hand und mit Machete. Was Herr Bartel den Schülerinnen und Schülern erzählt hat und die Bilder, die er zeigte, waren so unfassbar, so schrecklich, dass ich sie an dieser Stelle nicht wiederholen möchte. Und er hat nur den Anfang mitbekommen bevor seine Familie und er evakuiert wurden.
Das Allerschlimmste aber, liebe Gemeinde, ist, dass es sich dabei zum allergrößten Teil um Christen handelte – Hutu und Tutsis – über 90 Prozent bekennen sich zum katholischen oder evangelischen Glauben.
O Heiland, reiß die Himmel auf. Wie kann so etwas geschehen? Was lässt die Menschen so etwas tun? Wir wissen es nicht. Auch wir in Deutschland wissen das nicht, wir, die wir darüber schon mehr nachgedacht haben als der Rest der Welt.
Aber, liebe Gemeinde, das ist Advent in seiner reinsten Form. Nicht nur die Glitzerwelt in den Kaufhäusern. Nicht nur die Weihnachtslieder aus den Lautsprechern – nein – sondern auch das Leiden an dieser Welt – mit Gott am Menschen leiden – das ist Advent. Die Finsternis sehen und aushalten. Nicht wegschauen. Sie nicht verdrängen. Denn umso größer die Finsternis, umso deutlicher sehen wir das Licht. Und umso deutlicher das Licht, umso größer die Hoffnung.
O Heiland, reiß die Himmel auf!
Wie ich auf Ruanda komme? – ich komme drauf, weil der Predigttext, der für den heutigen 2. Advent vorgeschrieben ist das in mir anstößt. Es ist ein seltsamer Predigttext – mal wieder – fremd – aus fernen Zeiten und anderen Welten – und dennoch merkwürdig erschreckend vertraut. Ich lese aus dem Matthäusevangelium die Verse 3 bis 14:
Und als [Jesus] auf dem Ölberg saß, traten seine Jünger zu ihm und sprachen, als sie allein waren: Sage uns, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt?
Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Seht zu, dass euch nicht jemand verführe. Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin der Christus, und sie werden viele verführen.
Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da. Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort. Das alles aber ist der Anfang der Wehen.
Dann werden sie euch der Bedrängnis preisgeben und euch töten. Und ihr werdet gehasst werden um meines Namens willen von allen Völkern. Dann werden viele abfallen und werden sich untereinander verraten und werden sich untereinander hassen. Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele verführen. Und weil die Ungerechtigkeit überhand nehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten. Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden.
Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen.
„Und die Liebe wird in vielen erkalten“ – es ist dieser Satz, der besonders haften bleibt in dieser Vision Jesu, in der seine Traurigkeit und sein Zorn über die Menschen und der Welt ineinander fließen mit der Traurigkeit und Zorn der Christen 60 Jahre später und der unsrigen über die Grausamkeit und Lieblosigkeit der Menschen.
Jesus hatte im Tempel mit den Pharisäern und Vertretern der jüdischen Oberschicht gestritten. Theologischer Streit bis aufs Messer. Jesus war bis zum Äußersten gegangen. Er hatte ihnen vorgeworfen, dass sie Gott verraten und ihre Erwählung von Alters her. Wut, Zorn, Trauer und Erschütterung über die Zurückweisung.
60 Jahre später ist der Tempel zerstört. Die Juden haben den blutigen Aufstand und den Krieg gegen die römische Macht verloren. Es kommt zu einer Neubesinnung im Judentum. Die christlichen Gemeinden, die bis dahin Teil des Judentums waren, wurden aus der jüdischen Gemeinde verstoßen.
Und so sind es die Gefühle der jungen christlichen Gemeinden, die in diesen Text eingeflossen sind. Es ist ein Teil ihrer Trauerarbeit. Der Tempel in Jerusalem ist dem Erdboden gleichgemacht worden. Das Symbol für Gottes Gegenwart – auch für die Christen dieser Zeit - das Allerheiligste - existierte nicht mehr. Es gab keinen Ort mehr, um zu opfern und so mit Gott in Kontakt zu treten. Die junge christliche Gemeinde hat auch erlebt, dass sie unter Schriftgelehrten und Pharisäern kein Gehör fand mit ihrer Jesusbotschaft. Sie wurde aus der Synagoge ausgeschlossen und angefeindet.
„Hier wird kein Stein auf dem anderen bleiben.“ „Und die Liebe wird in vielen erkalten.“
Die Frage nach dem Ende drängte sich also auf. Und die Frage der Jünger ist die Frage aller Christinnen und Christen, die an dieser Welt leiden: „Sag uns, wie lange noch?“.
Und hinter der Frage steht die Hoffnung: „O Heiland, reiß die Himmel auf…“
Doch davor wird die Welt sich noch einmal von ihrer schlechten Seite zeigen: Krieg und Katastrophen, Ungerechtigkeiten – kein Stein wird mehr auf dem anderen bleiben. Falsche Propheten werden die Menschen verführen.
„Und die Liebe wird in vielen erkalten.“
„O Heiland, reiß die Himmel auf…“ – so wie die Menschen damals an der Welt und den Menschen leiden, so auch heute, so auch wir. „Und die Liebe wird in vielen erkalten“ – das erleben wir immer wieder. Die Sehnsucht aber danach, dass er kommt, der er diese Welt umkrempelt, bleibt bestehen. Jede irdische Hoffnung bleibt<del> </del>muss ja in den irdischen Zerbrechlichkeiten gefangen bleiben. Alle Sehnsucht nach Gesundheit, nach Heilung, nach Wohlstand und Frieden, wird am Ende enttäuscht werden, weil in dieser Welt nichts ewig ist, weil in dieser Welt alles zerbricht. Die Hoffnung auf ihn aber ist die Hoffnung auf endgültige Heilung.
Und das ist der Kern des Advents, liebe Gemeinde, das Leiden an dieser Welt und an den Menschen und die Sehnsucht danach, dass er die Himmel aufreißt. Der Grund des Leidens mag sich durch die Jahrtausende hindurch immer wieder ändern. Die Anlässe sind immer wieder andere – Krieg und Katastrophen, Krankheit und Streit – die Sehnsucht an sich aber bleibt – danach, dass Gott am Ende keinen Stern in dieser Welt mehr auf dem anderen lässt und dass wahr wird, was uns verheißen: „Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.“
Und bis dahin?
Natürlich können wir unsere Hoffnung nicht aufsparen. Natürlich können wir nicht warten bis ans Ende der Welt. Wir brechen auf. Wir ziehen los. Wer voller Sehnsucht ist – und vor allem: Wer Grund zur Hoffnung hat – der kann nicht warten, der muss schon jetzt - bekämpfen und überwinden, was Gott am Ende bekämpfen und überwinden wird.
Liebe Gemeinde, es ist der zweite oder dritte Advent, der in der Regel zum Sonntag der Menschenrechte wird - entsprechend dem Jahrestag am 10. Dezember 1948, als die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Menschenrechte unterzeichnete.
Wie gut, dass es sie gibt. Peinlich nur, dass die Kirchen sich lange Zeit dagegen gewehrt haben und erst viel zu spät auf den Zug aufgesprungen sind. Heute ist eine christliche Begründung der Menschenrechte für uns Christinnen und Christen selbstverständlich. Jeder Mensch ist nach dem Bild Gottes erschaffen und hat somit seinen eigenen besonderen Wert und seine eigene unveräußerliche Würde. Nichts kann einem diesen Wert und diese Würde rauben, nicht einmal ein Mensch sich selbst. Und damit verbunden ist das Recht auf Freiheit, auf Leben und auf Bildung, auf freie Meinungsäußerung und auf Religionsfreiheit.
Für uns steht dahinter der Glaube, dass jedes Menschenleben einen Wert hat, weil Gott den Himmel geöffnet hat und wieder öffnen wird, um sich uns Menschen zu zuwenden. Und dieser Glaube muss Bestand haben, muss Stand halten gegenüber den vielen Kräften, die daran rütteln.
Jeder Mensch hat sein Recht und seine Würde, weil er Mensch ist und bleibt. Auch wenn wie unlängst geschehen ein Mann 13 und 14jährige Jugendliche ermordet. Wir sind fassungslos. Wir verstehen nicht. Um uns zu schützen, können wir nicht glauben, dass ein Mensch wie wir so etwas zu tun vermag. Aber dieser Mann ist keine Bestie. Er ist kein Monster. Er bleibt ein Mensch mit allen Menschenrechten.
In diesen Tagen wurde das Gesetz zur Sicherheitsverwahrung neu geregelt. Sicher- die Gesellschaft muss vor Gewalttätern geschützt werden, die auch nach 15 Jahren Gefängnis nicht in der Lage sind, in Frieden als Teil der Gesellschaft zu leben. Man muss sich (sie?) wegsperren können, wenn man merkt, dass sie krank sind und das nie können werden. Aber einfach darf man sich das nicht machen, denn auch diese Menschen sind Menschen und haben Menschenrechte.
Und es ist auch weder mit dem Grundgesetz noch mit den Menschenrechten zu vereinbaren, ein Passagierflugzeug abzuschießen, das in der Hand von Terroristen ist und ein Hochhaus bedroht. Man würde die Menschenrechte der friedlichen Passagiere mit Füßen treten. Jedes Menschenleben ist vor Gott unendlich wertvoll – und unendlich lässt sich nicht multiplizieren und Menschenleben nicht gegeneinander aufrechnen.
Liebe Gemeinde, was für eine Welt, in der man sich über solche Fragen Gedanken machen muss, Fragen, die uns ohne Antworten zurücklassen. Geschehnisse, deren katastrophale Tragweite uns fassungslos zurücklassen.
Dazu kommen noch die Kräfte, die an einem zerren – die Ängste und der Stress. In der Tat: Die Welt macht es einem nicht leicht, eine positive Einstellung und eine optimistische Einstellung zum Leben zu behalten, und oft habe ich den Eindruck, dass umso älter die Menschen werden, umso negativer sprechen und denken sie über das Leben.
Und da geht es uns wie den Menschen in der Bibel: Mit Gott, mit Jesus leiden wir an dieser Welt. Wir spüren unsere Machtlosigkeit und wir fragen: „Wie lange …“. Und immer verbunden mit der Bitte: O Heiland reiß die Himmel auf. Wo bleibst du Trost der ganzen Welt – darauf sie all ihr Hoffnung stellt.
Das ist die Grundbewegung des Advents: Sehnsucht und Hoffnung: Auf Heilung. Auf Erlösung. Endgültig.
Ach ja: Die evangelischen Schülerinnen und Schüler der 10. Klassen haben sich entschlossen, Geschäfte und Betriebe in Gerlingen persönlich aufzusuchen und um eine Spende zu bitten. Mit dem Geld wollen sie einem Mädchen, das im Krieg den Vater verloren hat und alleine die Familie ernähren muss, einen Schulabschluss finanzieren.
Das mag nur ein kleines Zeichen sein, eine kleine Geste. Und dennoch – so hoffen wir, wird das für dieses Mädchen – es heißt Marie-Claire – sein, als würde sich der Himmel für sie öffnen.
Eine Aktion, die dafür sorgt, dass die Liebe nicht erkaltet.
Amen




