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Predigt am 23. Oktober 2011 <br/ >Pfr. z.A. Dr. Sönke Finnern

Liebe Gemeinde,

in der heutigen Predigt geht es um etwas, was eigentlich nicht zusammenpasst.
Jesus hat nämlich einmal den Satz gesagt:
„Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher ins Reich Gottes komme.“
Versuchen wir also zunächst, das Kamel durch das Nadelöhr zu kriegen.
Ich stelle Ihnen verschiedene Versuche vor, die ich im Internet gefunden habe.
Es ist alles eine Frage der Perspektive. Wenn wir das Kamel ganz klein machen und das Nadelöhr ganz groß, dann können wir das Kamel vielleicht tatsächlich durchziehen!
Oder wir nehmen halt kein echtes Kamel, sondern ein Mini-Plastikkamel und das passt dann doch einigermaßen durch das Nadelöhr.
Das ganze kann man sogar auf die Spitze treiben und solche kleinen Kamele herstellen, dass viele von denen in ein Nadelöhr passen.

Andere sind mehr für die brachiale Methode. Das Kamel wird in eine Schleuder eingespannt. Es bekommt Rollschuhe unter die Füße und wird dann auf das Loch losgelassen. Zur Not wird mit Hammer und Pömpel nachgeholfen.
Und schließlich habe ich noch eine ganz intelligente Lösung im Internet gefunden. Wer sagt denn, dass es ein richtiges Kamel sein muss? Man legt einfach aus einem Faden die Form eines Kamels – und siehe da, das Kamel passt durch das Nadelöhr.
Ein Kamel und ein Nadelöhr – das ist wie Feuer und Wasser, das passt eigentlich nicht zusammen. Eigentlich nicht, es sei denn, man trickst ein bisschen.
   Was ich hier versucht habe zu demonstrieren, das ist eines der bekanntesten Sätze von Jesus, die schon fast zu einem geflügelten Wort geworden sind: „Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.“


Da fragt man sich natürlich: Was soll das bedeuten? Was hat ein Kamel mit einem reichen Menschen zu tun? Und warum ist das Reich Gottes wie ein Nadelöhr? Warum sagt Jesus das?
Ich lese den ganzen Text aus dem Markusevangelium, Kapitel 10, im Zusammenhang. Die Ge¬schichte ist in der Lutherbibel überschrieben mit: „Der reiche Jüngling“.
 17 Und als er [Jesus] sich auf den Weg machte, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?
 18 Aber Jesus sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein.
 19 Du kennst die Gebote: »Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; ehre Vater und Mutter.«
 20 Er aber sprach zu ihm: Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf.
 21 Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach!
 22 Er aber wurde unmutig über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter.
 23 Und Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern: Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen!
 24 Die Jünger aber entsetzten sich über seine Worte. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Liebe Kinder, wie schwer ist's, ins Reich Gottes zu kommen!
 25 Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher ins Reich Gottes komme.
 26 Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: Wer kann dann selig werden?
 27 Jesus aber sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist's unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.

Liebe Gemeinde,
ein Kamel geht durch ein Nadelöhr – was soll das bedeuten? Wie kommt Jesus auf diesen seltsamen Vergleich?
Die Bibelausleger haben sich das über die Jahrhunderte immer wieder gefragt. Die wissenschaftliche Bibelauslegung hat auch versucht, diesen Satz zu entschärfen, dass er weniger anstößig ist, weniger paradox.
Eine Möglichkeit ist, dass eine Wortverwechslung geschehen ist. Das griechische Wort kámälos bedeutet „Kamel“, und dann gibt es auch ein ganz ähnliches Wort kámilos = Schiffstau. Vielleicht hatte Jesus dann ursprünglich gesagt: „Es ist leichter, dass ein Tau durch ein Nadelöhr geht, als dass …“. Und später wurde dann bei der Überlieferung des Neuen Testaments aus kámilos kámelos. Doch beweisen kann man das nicht, das Jesus eigentlich ein Tau meinte. Ein Tau passt zwar auch schwer durch ein Nadelöhr, aber das Tau klingt wenigstens nicht ganz so unmöglich wie ein Kamel.
Andere Ausleger sagen, dass das „Nadelöhr“ der Name eines Stadttores in Jerusalem gewesen sein könnte. Das Stadttor sei sehr klein gewesen, so dass ein Kamel gerade so hindurch passte. Da sagt also ein Jerusalemer zum andern: „Ich gehe nachher mit meinem Kamel durch das Nadelöhr. Mann, das wird ganz schön eng.“ Ein Kamel geht also hier durch ein enges Tor, schwierig, aber nicht unmöglich. Für diese Lösung gibt es jedoch keinerlei Hinweise, das ist ebenfalls reine Vermutung.
Am wahrscheinlichsten ist dann wohl doch die Aussage: Ein Kamel und ein Nadelöhr passen nicht zusammen. Überhaupt nicht. So wenig passen Menschen, die sich auf ihren Reichtum verlassen, und das Reich Gottes zusammen. Deswegen sind die Jünger so erschrocken: „Wer kann dann überhaupt selig werden?“ – Jesus antwortet: „Bei den Menschen ist's unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.“


Liebe Gemeinde,
ich würde am liebsten jetzt hier in die Runde fragen: „Sind Sie reich?“ Ich meine, so richtig materiell reich? Aber das lasse ich mal lieber.
Aber wenn Sie die Aufgabe hätten zu überlegen, ob Sie reich sind oder nicht, müsste man sich zuerst einigen, wo Reichtum anfängt.
Wenn man nach dem Jakobustext geht, den Herr Born vorhin vorgelesen hat, dann ist ein Reicher jemand, der sich einen goldenen Ring um den Finger leisten kann … Und reich ist jemand, der Kleidung ohne Löcher trägt, womöglich Kleidung von Markenherstellern.
Ein Armer dagegen ist jemand, der nur Lumpen zum Anziehen hat, durchgescheuerte, löchrige, unpassende Kleidung.
Und Jakobus sagt: Das geht nicht an, dass bei Euch in der Gemeinde die Reichen die vordersten Plätze und die Logen besetzen und dass die Armen hinten nur noch die Stehplätze bekommen. Die Gemeinde ist doch kein Theater! Vor Gott sind alle gleich, das soll sich auch bei den Sitzplätzen zeigen.
Gemessen an dem, was Jakobus über die Reichen schreibt, sind aber sicherlich die meisten von uns reich.

Da trifft dieser Satz von Jesus dann auf einmal auch uns: Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher ins Reich Gottes komme.
- Wir haben gesehen, dass es unmöglich ist, dass ein Kamel durchs Nadelöhr geht.
- Wir haben außerdem festgestellt, dass wir wohl zu den Reichen gehören.
=> Streng logisch müssen wir also folgenden Schluss ziehen: „Es ist menschlich gesehen unmöglich, dass wir ins Reich Gottes kommen.“

Nun ist es aber seltsam, dass die Bibel doch hin und wieder von reichen Menschen berichtet, die Gottes Reich empfangen.
– Zum Beispiel Zachäus. Über ihn heißt es: „In Jericho war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich“. Als Jesus ihn aber zwischen den Blättern im Baum entdeckt und bei ihm einkehrt, sagt Zachäus: „Die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen.“ Und Jesus entgegnet: „Heute ist diesem Haus Heil widerfahren … Denn der Menschensohn ist gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ Im Lukas¬evangelium steht diese Episode kurz nach der Geschichte vom reichen Jüngling. Aber Zachäus wird nicht aufgefordert, all sein Hab und Gut zu verkaufen (Lk 19).
– In der Apostelgeschichte lesen wir von dem Kämmerer aus Äthiopien. Der Finanzminister aus Äthiopien, dem Philippus begegnet und der sich taufen lässt, der war sicherlich ebenfalls reich (Apg 8,26–40).
– Auch der Hauptmann Kornelius, ein Oberbefehlshaber der römischen Armee, wird von Petrus getauft. Er muss ebenfalls reich gewesen sein. Von ihm heißt es, er gab viele Almosen.
– Eine Purpurhändlerin aus Thyatira namens Lydia, der tat der Herr das Herz auf, so dass sie darauf hörte, was Paulus redete. Auch diese Händlerin war sicherlich sehr wohlhabend.
Dass sind nur einige Beispiele, dass reiche Menschen in der Bibel zum Glauben finden und auch wenigstens einen Teil ihres Besitzes behalten. Und immer wird davon ausgegangen, dass sie Gottes Reich und das ewige Leben gefunden haben.
Reichtum ist also weder ein grundsätzliches Hindernis zum Glauben, noch muss man alles verkaufen, was man hat, wenn man Gott dienen will.

Auch hier in diesem Text vom reichen Jüngling lässt ein wichtiger Satz Hoffnung schöpfen: „Jesus schaute ihn an und hatte ihn lieb“. Ja, Jesus hat auch die Reichen lieb, sie sind bei Gott die eigentlich verlorenen Söhne und Töchter.
Es kommt aber auf die Prioritäten an. Wenn Jesus diesen jungen Menschen auffordert: „Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen.“ – dann trifft er einen wunden Punkt bei ihm. Jesus fragt ihn indirekt: Was ist dir das Wichtigste in deinem Leben?
Martin Luther schreibt im Großen Katechismus in der Auslegung zum ersten Gebot folgenden wichtigen Satz: „Woran du dein Herz hängst …, das ist eigentlich dein Gott“ (Unser Glaube. Die Bekenntnisschriften der evang.-luth. Kirche, 4. Aufl. Gütersloh 2000, Abs. 587) Und weiter sagt Luther: „Es ist mancher, der meint, er habe Gott und alles zur Genüge, wenn er Geld und Gut hat; er verlässt sich darauf und brüstet sich damit so steif und sicher, dass er auf niemand etwas gibt. Sieh, ein solcher hat auch einen Gott: der heißt Mammon …; darauf setzt er sein ganzes Herz. Wer Geld und Gut hat, der weiß sich in Sicherheit, ist fröhlich und unerschrocken, als sitze er mitten im Paradies; und umgekehrt, wer keins hat, der zweifelt und verzagt, als wisse er von keinem Gott. Denn man wird ja ganz wenig Leute finden, die guten Muts sind und weder trauern noch klagen, wenn sie den Mammon nicht haben; das klebt und hängt der menschlichen Natur an bis in die Grube“ (Unser Glaube, Abs. 589).
Soweit Martin Luther im Großen Katechismus. Es ist ja kein Geheimnis, dass, je wohlhabender eine Gesellschaft wird, desto größer wird die Gefahr, dass sie Gott vergisst.
Wichtig ist es daher, für sich zu klären: Woher kommt meine Sicherheit? Woher kommt mein Wert? Woher kommt meine Anerkennung? Das alles kommt von Gott, nicht von meinem Ersparten. Wenn ich das zutiefst weiß, dann muss ich mir nicht Wert erarbeiten durch größeren Reichtum: „mein Haus, mein schnelles Auto, meine Segelyacht“. Nicht das Ersparte gibt mir Sicherheit. Wenn ich weiß, dass ich von Gott geliebt bin, dann muss ich nicht festhalten. Dann kann ich loslassen. Dann kann ich ausmisten im Leben, auch materiell.
Wir kennen die Worte Jesu: „Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Mt 6,24) In diesem Zusammenhang erklärt Jesus: „Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost [und die Finanzkrise] fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost [noch Finanzkrise] fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“ (Mt 6,19–21)

Ja, es ist menschlich gesehen unmöglich, dass wir ins Reich Gottes kommen. Wir sind die Kamele, die durchs Nadelöhr müssen. Wir Menschen und Gott, das passt eigentlich nicht zusammen: wir Sünder und das absolut Gute, wir Sterblichen und der Ewige, wir Unwissenden und die absolute Weisheit.

Jesus erzählt in diesem Text nicht, wie das bei Gott überhaupt möglich sein soll, dass wir Kamele durchs Nadelöhr passen.
Aber ich habe mich an eine andere Stelle in der Bibel erinnert, die ein wenig ähnlich ist. Jesus sagt im Johannesevangelium: „Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden“ (Joh 10,9). – „Ich bin die Tür“, das ist vielleicht der Schlüssel, mit dem wir diesen Vers verstehen können. Wenn Jesus sagt: „Ich bin die Tür, ich bin das Nadelöhr“, dann brauchen wir Kamele nur glaubend zu ihm kommen. Und dann tut er das Wunder, dass wir durch ihn hindurch in Gottes neue Welt hindurch-schlupfen können.
Denn „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh 3,16)


Liebe Mit-Kamele,
nun ist es auf einmal nicht mehr so unmöglich, dass wir durch das Nadelöhr gehen. Jesus hat uns durch sein Sterben am Kreuz das Heil geschenkt. Lassen Sie uns Jesus bitten, dass er uns aufnimmt in Gottes Reich. Und lassen Sie uns Jesus bitten, dass er hineinkommt in unsere stolze, reiche Welt und die Menschen neu macht.Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

Alle verwendeten Abbildungen stammen aus dem Internet.
Abb. 1: vitzliputzli.wordpress.com
Abb. 2: Richard Gemain, G4 inc.
Abb. 3: youtopiagroup.com
Abb. 4: gmehlert.wordpress.com
Abb. 5: mactechnews.de

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