Die Predigt vom 13. März 2011
Pfr. z.A. Dr. Sönke Finnern
Liebe Gemeinde,
„das Leben ist kein Ponyhof“, so pflegte mein Ausbildungspfarrer in Backnang manchmal zu sagen. Oder: „Nur die Harten komm’n in Garten.“ – Sieger bleiben im Kampf gegen das Böse, gegen böse Strukturen in der Gesellschaft, gegen böse Menschen, gegen das Böse in sich selbst: das ist gar nicht so einfach. Als Christinnen und Christen können wir rufen: „Jesu, hilf siegen.“ Wie wir gesungen haben: „Jesu, hilf siegen und lass mich nicht sinken; wenn sich die Kräfte der Lügen aufblähn“ oder „Jesu, hilf siegen, wenn in mir die Sünde, Eigenlieb, Hoffart und Missgunst sich regt.“ So oder so ähnlich lautet vielleicht manchmal unser Gebet, wenn wir in Anfechtungen stehen. Und doch: Wir Menschen können in diesem Kampf immer wieder unterliegen. Ich denke, dass jeder von Ihnen diese Erfahrung kennt ...
In der Bibel gibt es eine Geschichte, die diese Erfahrung beschreibt. Es ist einer der bekanntesten Bibeltexte überhaupt. Doch vielleicht können wir die Geschichte an diesem Sonntag mit neu geöffneten Ohren hören. Vielleicht fallen uns manche Details neu auf. Vielleicht erkennen wir uns an der einen oder anderen Stelle selbst wieder. Es ist die Geschichte von Adam und Eva, vom Sündenfall der Menschheit. Ich lese 1. Mose 3 aus einer neueren Übersetzung:
(Predigttext ist zu finden unter
http://www.bibleserver.com/text/NL/1.Mose3)
Bei dieser biblischen Geschichte geht es um eine bestimmte Frucht. (Banane zeigen!) Das hebräische Wort „peri“ ist nicht unbedingt ein Apfel, wie es die westliche Tradition auf Bildern festgehalten hat. Ich glaube, es war eine Banane… Denn Gott schreibt auch auf krummen Bananen gerade. Selbst wenn wir Menschen krumme Dinger drehen, seine Gnade verlässt uns nicht!
In dieser biblischen Geschichte stecken wohl nahezu alle Themen des Lebens: Verführung und Sünde, Scham und Schutz, Gut und Böse, Tod und Unsterblichkeit, Mensch und Natur, Mann und Frau, Essen und Kleidung, Wahrheit und Lüge, Misstrauen und Vertrauen, Verbieten und Erlauben, Freundschaft und Feindschaft, Mühe und Leid, Nähe und Ferne Gottes, menschliche Freiheit und Vorherbestimmung. Man sagt daher, dass solange die Menschheit währt, dieser Text nie ganz ausgelegt werden kann. Ich denke nicht, dass es sich um eine streng historische Erzählung handelt, sondern Gott möchte uns mit dieser Geschichte tiefe Wahrheiten über uns selbst und über ihn mitteilen.
Eine dieser Wahrheiten ist: Der Mensch steht in einem Kampf. Er ist versuchbar! Er ist anfechtbar! Da tritt etwas von außen an ihn heran: Eine Schlange. In der christlichen Auslegungsgeschichte wird die Schlange ja sofort mit dem Teufel identifiziert. Aber das steht hier nicht. Es steht nur da: „Schlange“.
Die Schlange im Paradies stellt eine einfache Frage: „Hat Gott denn wirklich gesagt, dass ihr von keinem einzigen Baum hier essen dürft?“ Wie kommt die Schlange darauf? Sie sieht doch, dass Adam und Eva sich an verschiedenen Bäumen bedienen. Es ist wie im Schlaraffenland. Adam und Eva leiden gerade keine Tantalusqualen.
Die Schlange spricht mit gespaltener Zunge. Sie stellt keine Frage, um eine Information zu bekommen; in Wirklichkeit weiß sie die Antwort. Alle Bäume waren erlaubt, nur ein einziger Baum von vielleicht Tausenden war verboten. Aber in der Frage schwingt mit: „Gott ist ja eigentlich schlecht zu euch, dass er euch etwas verbietet.“ Und die Schlange übertreibt maßlos: „Das kann doch nicht sein, dass euch alles verboten ist!“
Das erste Kennzeichen dieser Schlange ist also die Übertreibung, die Übertreibung zum Negativen. Kennen wir diese flüsternde Schlange in uns? Aus einer Enttäuschung erwächst ein Rundumschlag. „Niemand ist gut zu mir! Nicht einmal Gott! Niemand mag mich! Niemand will mich! Ich kann nichts.“ Diese Schlange schlängelt sich zu einer Spirale nach unten. Die Tausend anderen Bäume, die man genießen darf, geraten aus dem Blick.
Das zweite Kennzeichen dieser Schlange ist die Halbwahrheit. Sie behauptet, Eva werde nicht sterben, wenn sie von dem Baum isst. Gemeint ist: Ihr werdet nicht sofort sterben durch das Essen. Vergiftet sind nicht die Früchte, sondern die Worte der Schlange. Tatsächlich erfüllte Gott seine Warnung und ließ die Menschen sterben, also sterblich werden. „Der Sünde Sold ist der Tod“, so heißt es auch im Römerbrief (Röm 6,23). Die Schlange zeigt: Man kann sich mit Halbwahrheiten betrügen. Man kann die Konsequenzen ausblenden und auf dem falschen Weg weitergehen.
Das sind die zwei Wesensmerkmale einer Sucht: Alles andere gerät aus dem Blick, interessant ist nur dieses eine. Also Übertreibung im Blick auf das, was man haben möchte. Zum anderen werden die negativen Konsequenzen ausgeblendet, nicht mehr gesehen. Durch Halbwahrheit. Es gibt viele solcher Schlangen in unserer Stadt. Dieser Alkohol hier – der schmeckt doch gut, also betäube ich damit meine Probleme. Diese Drogen – die helfen dir doch, die Welt ganz anders zu sehen. Oder diese Medikamente regelmäßig schlucken – wäre das nicht was? Oder dieses ungesunde Essen im Übermaß – schmeckt das nicht gut? Es gibt Gedanken, die sind Einflüsterungen des Teufels, der alten Schlange (Offb 12,9; 20,2). Im Buch der Sprüche wird der Alkohol mit einer Schlange verglichen (Spr 23,29ff.: „Sieh den Wein nicht an, wie er so rot ist und im Glase so schön steht: Er geht glatt ein, aber danach beißt er wie eine Schlange und sticht wie eine Otter“). Die Frucht wird noch an andere weitergegeben. Adam isst auch davon. Die Sucht nach der Frucht ist ansteckend, sie macht andere „co-abhängig“. Die gemeinsame Scham führt dazu, dass sich keiner der Beteiligten, weder Adam noch Eva, mehr vor Gottes Angesicht traut. Man versteckt sich hinter den Bäumen – oder eben im Haus.
Die Schlangen, das können auch andere Menschen sein. Jesus selbst bezeichnet einmal die Pharisäer und Sadduzäer als „Schlangenbrut“ (Mt 3,7 u.a.). Im Psalm 140 steht: „2 Errette mich, HERR, von den bösen Menschen; behüte mich vor den Gewalttätigen, 3 die Böses planen in ihrem Herzen und täglich Streit erregen. 4 Sie haben scharfe Zungen wie Schlangen, Otterngift ist unter ihren Lippen.“
Wenn nun wir Menschen und Menschen, die wir kennen, von solchen Schlangen bedroht sind, wie kann man das vermeiden? Was hätten Eva und Adam stattdessen tun können? Ich möchte einige Anregungen geben.
1) Konzentriert leben. Innerlich klar im Geist zu leben (konzentriert), um sich nicht erst verwirren zu lassen. Das erfordert eine tägliche Übung. Jesus sagt: „Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt.“
2) Gottes Gebote kennen. Sie hätten sich die Gebote Gottes immer wieder vor Augen führen können, dann wären sie nicht auf die Schlange hereingefallen.
3) Die Konsequenzen kennen. Sie hätten sich die Konsequenzen ihres Tuns bewusst machen können.
4) Vor der Schlange fliehen. Sie hätten gar nicht zum Baum zur Schlange hingehen brauchen. Bei Jesus Sirach 21,2 steht ein wertvoller Tipp: „Fliehe vor der Sünde wie vor einer Schlange; denn wenn du ihr zu nahe kommst, so sticht sie dich.“
5) Der Schlange nicht zuhören. Sie hätten der Schlange nicht zuhören brauchen. Ebenso kann man gegenüber schlechten Gedanken „Stopp!“ sagen.
6) Sich gegenseitig helfen. Adam und Eva hätten sich gegenseitig helfen können, anstatt dass beide sündigen. Adam stellt keine Fragen, sondern nimmt einfach die Frucht und beißt hinein.
7) Das Versteckspiel beenden. Aus der Verborgenheit herauskommen und mit anderen darüber sprechen.
Adam hatte jedenfalls gehofft, das würde nicht rauskommen. Adam hatte gedacht, da wächst schon Gras drüber. Schließlich ist er ja im Garten Eden. Adam hatte gedacht, er könnte mit Gott Verstecken spielen. Vielleicht gibt es auch bei uns etwas, was wir vor Gott verstecken wollen. Aber es wird ohnehin einmal herauskommen. Denn „kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen“ (Hebr 4,13).
Und selbst als Adam vor Gott steht – er sieht es nicht ein. Und Adams Reaktion ist typisch für die Menschen, vielleicht besonders typisch für Männer: „Ich bin nicht schuld!“ Über viele Jahrhunderte wurde aufgrund dieser Geschichte der Frau die Schuld am Sündenfall zugeschoben (vgl. 1Tim 2,14). Aber wenn man den Text genau liest, zeigt sich: Es wird gerade die Neigung von Adam, die Schuld weiterzuschieben, aufs Korn genommen. Denn Adam macht nicht nur seine Frau, sondern auch Gott dafür verantwortlich, dass er Gottes Gebot übertreten hat: „Die Frau, die du mir zur Seite gestellt hast, gab mir die Frucht. Deshalb habe ich davon gegessen.“ Gott lässt diese Ausrede nicht gelten. Am Ende bekommt auch Adam seine Strafe.
Wir stehen am Anfang der Passionszeit. Die Passionszeit ist eine Zeit der Buße, eine Zeit der Umkehr. Sieben Wochen anders leben. Sieben Wochen ohne Ausreden: „Ja, ich war’s.“ Sieben Wochen Zeit, über sich selbst und andere Menschen nachzudenken. Sieben Wochen Zeit, das Leben vielleicht ein bisschen zu entschleunigen.
Doch die Gefahr durch Versuchung, die Sucht nach der Frucht, die Sünde ist nur die eine Seite der Geschichte. Die andere Seite ist Gottes Gnade, die bei all diesen Geschehnissen aufleuchtet. Es ist passiert. Adam und Eva haben gesündigt. Wie geht nun Gott mit den Sündern um?
1) Gott ist bei den Menschen, auch den Sündern. Er ist kein ferner Gott. Er geht bei den Menschen auf der Erde umher. Auch heute, wenn er nur unsichtbar da ist. Ähnliches hat ja auch Jesus gesagt: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“. Vielleicht steht Ihnen in dieser Passionszeit eher eine eigene Leidenszeit vor Augen, nicht nur die Leidenszeit Jesu. Selbst wenn Sie sich gerade eher im Garten Gethsemane befinden als im Garten Eden: Jesus ist bei Ihnen und tröstet Sie.
Gott ist bei den Menschen, er sucht die Verlorenen. Auch hier läuft Gott Adam nach wie einem verlorenen Schaf und ruft ihn immer wieder: „Adam, wo bist du?“ Zu diesem Zeitpunkt hat er ja auch nur zwei Schafe auf seinen grünen Auen. Hier wird deutlich: Nicht Gott versteckt sich vor dem Menschen, der Mensch versteckt sich vor Gott!
2) Gott bekleidet die Menschen. Gott zieht Adam und Eva Tierfelle an. Hier werden „Nackende gekleidet“. Adam und Eva bekommen „Designeranzüge“, designt von Gott persönlich. Das Kleid symbolisiert die von Gott verliehene Würde des Menschen. Der Mensch bleibt nicht bloßgestellt, auch wenn andere ihn bloßstellen wollen. Gott schützt seine Würde.
3) Gott gibt Freiheit und Verantwortung. Ich denke, auch dass wir wissen können, was gut und was böse ist, ist letztlich ein Geschenk Gottes. Gott hat diesen Baum in den Garten gestellt, er hat das Wissen um Gut und Böse dann auch irgendwie ermöglicht. Er hat auch die Möglichkeit des Sündenfalls gegeben und ihn vorhergesehen. Darin besteht unsere menschliche Freiheit, ein Teil unserer Würde, nämlich die Möglichkeit zum Bösen. Wir sind keine Marionetten, sondern vor Gott verantwortlich.
4) Die Sünde bleibt nicht ewig. Gott hatte zwei besondere Bäume in den Garten gesetzt, den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis. Wenn die Menschen nun zuerst vom Baum des Lebens gegessen hätten, dann hätten sie nicht mehr sterben können.
Aber nun schenkt Gott die Sterblichkeit als Gnade – nämlich als das Ende der Sünde. „Wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde“ (Röm 6,7). Aus dem Neuen Testament wissen wir, dass nach unserem Tod wieder das Paradies kommt. Das schildert die Johannesoffenbarung in ihrem letzten Kapitel. Die letzte Seite der Bibel schließt wieder mit dem Garten Eden und dem Baum des Lebens (Offb 22,19).
Aber wie kann das sein? Der Garten Eden ist doch eigentlich streng bewacht. In unserer Geschichte lesen wir vom ersten Gartenzaun der Menschheit! Hier können wir nicht so einfach rüberspringen und etwas pflücken. Zu einer Lösung des Problems müssen wir tatsächlich in das neue Testament schauen.
5) Jesus Christus – der neue Adam. Die Versuchung Jesu durch den Teufel, die wir in der Schriftlesung gehört haben, ist eigentlich eine Wiederholung des Sündenfalls. Nur dass Jesus diesmal dem Bösen, dem Teufel, widersteht. Es gab einen, der hat widerstanden. „Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre“. An Jesus hat sich der Teufel die Zähne ausgebissen. Die Geschichte vom Sündenfall hat ein Happy End. So wie die Sünde durch den alten Adam in die Welt kam, so kam auch durch Jesus, den zweiten Adam, das Heil in die Welt.
Daher dürfen wir ihn bitten „Jesu, hilf siegen“. Dabei geht es nicht darum, dass wir bei Jesus viele Siege vorweisen müssen. Lassen Sie es uns gerade in der Passionszeit mit dem Schächer am Kreuz halten, der sagt: „Herr, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Ihm antwortet Jesus: „Wahrlich, heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lk 23,42f.)
Nicht mehr ein Cherub mit flammendem Schwert steht an der Eingangspforte zum Paradies, sondern Jesus selbst. „Den Garten d[ies]es Paradieses betritt man nicht mit den Füßen, sondern mit dem Herzen.“ (nach einem Sprichwort)
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.




