Predigt am 15. Mai 2011
Pfr. z.A. Dr. Sönke Finnern
Liebe Gemeinde,
„Jubilate“ – freut euch! – so heißt dieser Sonntag. „Jubilate: freut euch und jubelt!“ Vielleicht trifft dieser Aufruf gerade bei Ihnen auf die richtige Stimmung. Weil Sie sich eigentlich gerade über vieles freuen können. Weil Sie dankbar sind über das, was in dieser Woche gelungen ist. Oder weil gerade Ihr Favorit Aserbaidschan beim Eurovision Song Contest gewonnen hat …
Aber dieser Aufruf „Freut euch“ gilt ja eigentlich vor allem denen, die sich gerade nicht freuen. „Jubilate – freut euch und jubelt“, diese Aufforderung werden vielleicht auch manche beantworten mit: „Ja, worüber denn? Worüber kann ich mich denn freuen?“
Das Eingangslied und der Psalm haben hier eine erste Antwort versucht: Freuen Sie sich über Gott als Schöpfer. „Wie lieblich ist der Maien aus lauter Gottesgüt, des sich die Menschen freuen, weil alles grünt und blüht.“ oder: „Herr, lass die Sonne blicken ins finstre Herze mein, damit sich’s möge schicken, fröhlich im Geist zu sein“. Der große Schöpfungspsalm 104 ermuntert dazu, in allem den Schöpfer zu sehen: „Lobe den Herrn meine Seele! … Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.“ Und auch Paulus in Athen sagt den Griechen, die sich so sehr auf ihre Wissenschaft berufen, dass hinter allem der unbekannte Gott steckt, der jedem Menschen das Leben gibt: „Fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir“ (Apg 16,27f.). Darum sollen wir uns von dem Geschaffenen abwenden und dem Schöpfer zuwenden.
Jubilate – das heißt also: Freut euch über die Schöpfung! Aber zugleich richtet der Sonntag auch den Blick in die Zukunft: Freut euch über die neue Schöpfung, freut euch darüber, was Gott in eurem Leben schaffen kann und einmal schaffen wird! Freut euch darüber, dass die Zeit der Traurigkeit begrenzt ist! Freut euch darüber, dass Gott einmal alles wenden wird!
Ich lese den Predigttext aus Johannes 16. Hier sagt Jesus zu seinen Jüngern:
16 „Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen.“
17 Da sprachen einige seiner Jünger untereinander: „Was bedeutet das, was er zu uns sagt: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen; und: Ich gehe zum Vater?“
18 Da sprachen sie: „Was bedeutet das, was er sagt: Noch eine kleine Weile? Wir wissen nicht, was er redet.“
19 Da merkte Jesus, daß sie ihn fragen wollten, und sprach zu ihnen: „Danach fragt ihr euch untereinander, daß ich gesagt habe: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen?
20 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.
21 Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, daß ein Mensch zur Welt gekommen ist.
22 Und auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.
23 An dem Tag werdet ihr mich nichts fragen.“
Der Text ist von einem Rätselwort Jesu geprägt: „Es dauert nicht mehr lange, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und danach dauert es auch nicht lange, dann werdet ihr mich sehen.“ Was ist damit gemeint?
Der Text ist Teil der sogenannten Abschiedsreden im Johannesevangelium. Wenige Tage vor der Kreuzigung bespricht Jesus mit seinen Jüngern noch einmal alles, was für seine Jünger wichtig sein wird, wenn er nicht mehr da ist. Er sagt zum Beispiel: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, so wie ich euch geliebt habe.“ (Joh 13,34) Oder: „Bleibt in mir“, so wie die Reben am Weinstock bleiben (Joh 15,1–7). Oder: Seid darauf vorbereitet, dass euch die Menschen ohne Grund hassen (15,18–25). Oder: Achtet darauf, dass ihr als meine Jünger eins untereinander seid, so wie ich und der Vater eins sind (vgl. Joh 17,22). Oder: Seid nicht traurig, dass ich weggehe, denn ich werde einen Tröster zu euch schicken, den Heiligen Geist (vgl. Joh 14,16).
Ich frage mich: Was würden wir unserer Nachwelt hinterlassen wollen, wenn wir wüssten, dass wir nur noch wenige Tage zu leben hätten? Welchen Brief würden wir unseren Kindern schreiben? Welchen Brief würden wir unseren Enkeln schreiben? Unseren Freunden, Ehepartnern und Kollegen?
Jesus wusste, dass seine Zeit auf Erden begrenzt war. Und was er seinen Jüngern mitgeben will, ist ein realistischer und zugleich fröhlicher Blick auf die Zukunft: „Ihr werdet zuerst traurig sein, wenn ich nicht mehr da bin. Das ist so. Das müsst ihr durchstehen. Aber dann dauert es nur noch eine kleine Weile, bis ihr mich wiedersehen werdet. Dann wird sich eure Traurigkeit in Freude verwandeln.“ Jesus ist also realistischer Optimist – das ist mein erster Gedanke.
Manche Menschen tragen ja eine Regenwolke mit sich herum. Egal wo sie hingehen und wen sie treffen, immer wird kritisiert und geklagt. Es ist, als ob die Regenwolke diesen Menschen auf Schritt und Tritt folgt und ständig herrscht schlechtes Wetter. Wer mit ihnen redet, bekommt oft ein Donnergrollen ab.
Bei Jesus ist es anders. Er hätte in seiner letzten großen Rede an die Jünger eigentlich viel zu schimpfen gehabt. Dass die Pharisäer so ungerecht sind und seine Lehre nicht annehmen wollten. Dass Gott, der Vater, ihm einen solchen schweren, schrecklichen Auftrag zumutet, der alle menschliche Vorstellung übersteigt. Dass er Angst hätte, was nun mit ihm passieren würde, wenn er festgenommen wird. Nein: Von all dem spricht er nicht! Diese Dinge hat er wahrscheinlich im Stillen mit dem Vater im Himmel besprochen. Bei den Abschiedsreden geht es – um seine Jünger. Jesus sorgt sich um sie und möchte sie ausrüsten für das, was ihnen bevorsteht.
Das, was er seinen geistlichen Kindern und Enkeln über viele Generationen mitgibt, ist ein froher Blick in die Zukunft, der auch Gefährdungen übersteht. Würden wir einen ähnlichen Brief wie diesen Predigttext an unsere Kinder, an unsere Enkel schreiben, wenn unsere letzten Tage gekommen sind? Würden wir schreiben: „Ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen“ (Joh 16,22). So wie Jesus auferstanden ist, werden auch wir Christen uns alle einmal wiedersehen.
Jesus läuft nicht mit einer Regenwolke über seinem Kopf durch Palästina, sondern es wird einmal in einem besonderen Moment beschrieben, dass sein Gesicht strahlte wie die Sonne (Mt 17,2). Von ihm geht Klarheit aus, Freude, Zufriedenheit, eine Liebe zu den Menschen, ein realistischer Optimismus. Vielleicht deswegen wirkte er auf viele Menschen so anziehend.
Wir können uns wie die Jünger von ihm, von seinem Wesen prägen lassen, auch durch die Jahrhunderte hindurch. Lesen Sie einmal die Evangelien aus der Perspektive, wie Jesus mit den Menschen umgeht, wie er auf verschiedenste Herausforderungen reagiert und wie er immer mit dem Vater im Gebet verbunden ist. Oder wenden Sie sich an Jesus im Gebet mit der Bitte um Weisheit: „Herr Jesus, schenke mir jetzt Durchblick in dieser verfahrenen Situation.“ – „Herr Jesus, lass mich diesen schwierigen Menschen mit den Augen deiner Liebe sehen.“ Jesus freut sich, auf Ihr Gebet zu antworten!
So wie Jesus mit dem Leben umzugehen, mit einem realistischen Optimismus durch das Leben zu gehen, das ist auch körperlich gesund. Das ist in medizinischen Studien erwiesen, dass eine positive Lebenseinstellung das Leben tatsächlich verlängert. Schon der Weisheitslehrer Jesus Sirach schreibt – das Buch gehört in der katholischen Bibel zum Alten Testament (Sir 30,23–26):
„ 23 Ein fröhliches Herz ist des Menschen Leben, und seine Freude verlängert sein Leben.
24 Ermuntere dich und tröste dein Herz, und vertreibe die Traurigkeit von dir.
25 Denn die Traurigkeit tötet viele Leute und dient doch zu nichts.
26 Eifer und Zorn verkürzen das Leben, und Sorge macht alt vor der Zeit.“
Dass Freude das Leben verlängert, das wusste man schon im frühen Judentum vor über 2000 Jahren. Und deswegen die Aufforderungen: „Vertreibe die Traurigkeit von dir.“ – „Ermuntere dich und tröste dein Herz.“ Wir werden in die Pflicht genommen, Traurigkeit zu überwinden.
Jesus schenkt uns nicht nur einen fröhlich-realistisch-optimistischen Blick für die Zukunft, sondern Jesus kennt auch unsere Schmerzen. Das ist mein zweiter Gedanke: Jesus kennt unsere Schmerzen.
Ich bin beim Lesen des Textes immer wieder an dem Satz hängen geblieben, wo Jesus sagt: „Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist“ (V. 21). Ich frage mich: Woher weiß Jesus, wie eine Frau sich fühlt, die ein Kind zur Welt bringt? Woher kennt Jesus diese großen Schmerzen?
Ich als Mann kann sagen: Es ist unbeschreiblich, die Geburt des eigenen Kindes mitzuerleben. Stundenlang mitzuzittern. Und das eigene Kind dann zum ersten Mal im Arm zu halten. Und trotzdem ist es nur eine Außenperspektive. Männer können ja vieles nach Herbert Grönemeyer, aber sie können nie erfahren, wie es ist, einem Menschen das Leben zu schenken.
Nun war Jesus in seiner irdischen Existenz ja sehr wahrscheinlich ein Mann. Woher hat er dann das Recht, hier so selbstverständlich die Schmerzen einer Frau bei der Geburt zu berichten?
Lassen Sie uns einmal in Gedanken einige Tage weitergehen, als Jesus gekreuzigt wird, als die Nägel durch seine Hände und Füße geschlagen werden und er stundenlang große Schmerzen leidet am Kreuz.
Das Sterben am Kreuz war nicht deswegen so schrecklich, weil Jesus nur die eigenen Schmerzen verspürte. Nein, ich glaube, er verspürte in diesen Stunden am Kreuz auch die Schmerzen, die sämtliche Menschen der Welt je erlitten. In Jesaja 53 wird über Jesus vorausgesagt: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. … Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“
Jesus hat all unsere Schmerzen, all unsere Gottverlassenheit, all unsere Traurigkeit, all unsere Sünde auf sich genommen, damit wir davon befreit werden. Das heißt dann auch: Jesus kennt unsere Schmerzen, Jesus kennt sämtliche Schmerzen der Welt. Und zugleich leidet er die Geburtsschmerzen der neuen Welt. Das Reich Gottes bricht an.
Glauben Sie das? Können Sie das glauben? Alle Tränen, die Sie einmal geweint haben, all die Tränen, die in der letzten Zeit geflossen sind, all das sind auch die Tränen Jesu. All die körperlichen Schmerzen, die Sie erleiden oder erlitten haben, all diese sind auch die Schmerzen von Jesus, wahrer Gott und wahrer Mensch. All die Schuld, die Sie im Laufe Ihres Lebens auf sich geladen haben, all diese Schuld liegt nun auf Jesus am Kreuz. „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. … Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“
Das ist das große Geheimnis des Evangeliums, das ist das Endziel der Liebe Gottes, das ist das Kraftzentrum unseres Lebens, das ist der Mittelpunkt der Heilsgeschichte! Wenn wir sagen: „Ja, Jesus, ich will dir vertrauen, dass du das alles für mich getragen hast.“ Dann wird Gott, unser Schöpfer, uns noch einmal neu erschaffen. Wie es im Wochenspruch für diesen Sonntag heißt: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ Dann entsteht nach außen unsichtbar, doch als geistliche Wirklichkeit ein neuer Mensch, der auch den Tod überdauert.
Jesus sagt zum Pharisäer Nikodemus: „Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ (Joh 3,3) – Und: „Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ (Joh 3,5) Wir werden am Kreuz unter Schmerzen neu geboren. Es sind die Schmerzen Jesu, die uns das Heil bedeuten. Wenn wir in dieser Weise neu geboren sind, dann können wir uns freuen, dann freuen sich sogar die Engel im Himmel mit.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.




