Die Predigt vom 3. April 2011
Pfr. z.A. Dr. Sönke Finnern
Liebe Gemeinde,
Sonntags halb zwölf in Deutschland – und ich vermute, niemand von Ihnen hat etwas zu essen dabei. Einen kleinen Snack für zwischendurch. So ein Hanuta oder ein Knoppers während der Predigt zu knabbern, das macht man ja auch nicht… Das Knuspern hallt durch die ganze Kirche. Aber vielleicht sind Sie wenigstens schon in Gedanken beim Essen. Vielleicht denken Sie schon an den Braten, der im Ofen ist, oder an die Spaghetti, die Sie nachher in den Topf werfen werden.
- - Ja, es geht auch in dieser Predigt wieder ums Essen! Schon bei meinem Vorstellungsgottesdienst neulich ging es ja ums Essen. Um das Essen der Frucht im Paradies. Sie erinnern sich? Adam und Eva nehmen sich eine Frucht vom Baum, vielleicht war es eine Banane (Bild von L. Cranach – aber Adam und Eva halten Bananen). Im Hebräischen ist es ja nicht klar, ob es sich bei der Frucht um einen Apfel oder etwas anderes handelt. Ich meinte, es ist eine Banane. Weil Gott auf krummen Bananen gerade schreibt.
Bei unserem heutigen Predigttext geht es um eine andere Zwischenmahlzeit. Bei der Mahlzeit von Adam und Eva hieß es: „Ihr werdet sterben, wenn ihr davon esst.“ Bei der Mahlzeit heute heißt es: „Ihr werdet leben, wenn ihr davon esst.“ Ja, sogar noch mehr: „Ihr werdet ewig leben, wenn ihr davon esst.“ Genau das war ja über den Baum des Lebens gesagt. Adam und Eva hatten nur vom Baum der Erkenntnis gekostet und hatten nicht mehr die Möglichkeit, vom Baum des Lebens zu essen. Aber – Sie werden staunen – wir haben diese Möglichkeit. Es ist kein irdisches Essen. Bei diesem Essen handelt es sich um: Jesus. Wir sollen Jesus essen. Von Jesus als dem Lebensbrot. Von Jesus als dem Baum des Lebens. Von Jesus als dem Lebensbrotbaum.
Ich lese aus dem Johannesevangelium im 6. Kapitel. Hören Sie, was Jesus zu den Menschen seiner Zeit sagt:
48 „Ich bin das Brot des Lebens.
49 Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben.
50 Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon ißt, nicht sterbe.
51 Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot ißt, der wird leben in Ewigkeit. Und dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.“ –
52 Da stritten die Juden untereinander und sagten: „Wie kann der uns sein Fleisch zu essen geben?“ –
53 Jesus sprach zu ihnen: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohns eßt und sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch.
54 Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken.
55 Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank.
56 Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm.
57 Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und ich lebe um des Vaters willen, so wird auch, wer mich ißt, leben um meinetwillen.
58 Dies ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist. Es ist nicht wie bei den Vätern, die gegessen haben und gestorben sind. Wer dies Brot ißt, der wird leben in Ewigkeit.“ –
59 Das sagte er in der Synagoge, als er in Kapernaum lehrte.
60 Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: „Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören?“
61 Da Jesus aber bei sich selbst merkte, daß seine Jünger darüber murrten, sprach er zu ihnen: „Ärgert euch das?
62 Wie, wenn ihr nun sehen werdet den Menschensohn auffahren dahin, wo er zuvor war?
63 Der Geist ist's, der lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben.
64 Aber es gibt einige unter euch, die glauben nicht.“ Denn Jesus wußte von Anfang an, wer die waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten würde.
65 Und er sprach: „Darum habe ich euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn vom Vater gegeben.“ (Joh 6,48–65)
Liebe Gemeinde,
wenn man nicht weiß, dass Jesus hier auf das Abendmahl vorausblickt, so kann einen der Text schon erschaudern. Die jüdischen Zuhörer sind erschrocken und seine Jünger auch, denn sie wissen noch nichts vom Abendmahl und von der Kreuzigung. Sein Menschenfleisch essen und sein Blut trinken, das möchte man sich gar nicht ausmalen. Das klingt gefährlich, das klingt nach Kannibalismus. Gerade für jüdische Ohren war es unerträglich, wo ganz klar war, dass man das Fleisch von diesen und jenen Tieren nicht essen solle, und wo jeglicher Blutgenuss verboten ist. Aber Jesus sagt es ganz drastisch: „Ihr müsst mein Fleisch essen und mein Blut trinken.“
Selbst für heidnische Ohren sind solche Aussagen unerhört. Das sieht man besonders klar im 2. Jahrhundert, als sich die Christen schon in vielen Städten im römischen Reich versammelten. In dieser Zeit wurde das Gerücht verbreitet, dass die Christen Menschenfresser seien [Marcus Cornelius Fronto aus Cirta (ca. 100–170 n.Chr.) (?) bei Minucius Felix, Octavius 8,3–10,2 (nach KThGQ I, 33–35) u.a.]. Offenbar hatten sich einige römische Spitzel in die Christenversammlungen eingeschlichen und beim Abendmahl zugesehen und die Einsetzungsworte gehört. Von außen betrachtet konnte man dann tatsächlich denken: „Diese Christen tun Ungeheuerliches und verspeisen ihren Gründer! Diese Christen, das sind ja Menschenfresser.“
Liebe Gemeinde,
erinnern Sie sich an die Spendeworte beim Abendmahl? Der Pfarrer oder der Kirchengemeinderat steht vor Ihnen mit dem Oblatenteller und sagt: „Christi Leib, für dich gegeben“. Eigentlich müsste man sagen: „Christi Fleisch, für dich gegeben“. Und daraufhin stimmen Sie ein mit „Amen“ und nehmen sich eine Oblate vom Teller. Die zweite Formulierung ist nicht weniger drastisch: „Christi Blut, für dich vergossen“. Und daraufhin trinken Sie etwas von diesem rötlichen Getränk aus dem Kelch. Haben Sie sich das schon einmal bewusst gemacht?
Keine Sorge: Christen sind keine Menschenfresser. Ich hoffe, dass Sie auch weitgehend gute Erfahrungen mit den Menschen in der Gemeinde gemacht haben, die sich Christen nennen. Ich hoffe, dass es in der Gemeinde gerade nicht so zugeht wie in der Welt, wo ein Mensch den andern frisst und der Stärkere gewinnt. Wer einem anderen Menschen Lebensmöglichkeiten nimmt, der frisst ihn im übertragenen Sinne auf. Gott hat sich die Gemeinde als Gegenentwurf zur Welt gedacht, zu diesem Fressen und Gefressenwerden. Gemeinde soll ein Ort sein, wo alle aus Gottes Liebe leben und sie weitergeben. Wo sich Menschen zum Fressen gern haben!
Nein, ich meine: Christen sind keine Menschenfresser, sondern Jesusesser. Das kann man sehr gut an unserem Predigttext und auch an den Abendmahlsworten zeigen, wenn man genau hinschaut: Was bedeutet es nun wirklich, „Jesus zu essen“? Inwiefern nehmen wir tatsächlich etwas von Jesus Christus beim Abendmahl zu uns? Wie wörtlich sind diese Aussagen gemeint?
1. Das Abendmahl – ein Essen mit Bedeutung
Schauen wir uns einmal die Abendmahlsworte in der Bibel an (Mt 26,26–28): „26 Als sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach’s und gab’s den Jüngern und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib. (Lukas 22,19 fügt hinzu: „… der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis.“) 27 Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus, 28 das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“
Jesus sagt auch hier: „Das ist mein Leib“ und „das ist mein Blut“. Wie ist das zu verstehen: „Das ist mein Leib“? Was essen wir eigentlich, wenn wir das Abendmahl nehmen? Essen wir eine Oblate, oder essen wir Jesus? Ich denke, darüber sollte man als Christ nachgedacht haben.
Zum Abendmahl gibt es ja in der Christenheit, vereinfacht gesagt, drei wichtige Positionen:
– Die katholischen Christen sagen: Wir essen Jesus, keine Oblate.
– Die evangelisch-reformierten Christen sagen: Wir essen eine Oblate, nicht Jesus.
– Die evangelisch-lutherischen Christen sagen: Wir essen eine Oblate und zugleich Jesus.
Ich will es noch einmal auf der Folie darstellen:
Nach katholischer Lehre kann man sagen: „Wir essen keine Oblate, sondern Jesus.“ Für Katholiken werden Oblate und Wein tatsächlich zu Fleisch und Blut Jesu. Beim Sprechen der Einsetzungsworte durch den Priester geschieht die Verwandlung. Nur Aussehen und Geschmack bleiben gleich, aber es hat sich tatsächlich die Substanz verändert.
Nach evangelisch-reformierter Lehre, die vor allem bei den Schweizer Reformatoren und in Freikirchen begegnet, ist das Abendmahl nur ein Gedächtnismahl. Der Züricher Reformator Ulrich Zwingli würde sagen: „Wir essen eine Oblate, nichts anderes.“ Man nimmt also ganz normal Oblate und Wein zu sich und denkt dabei an Jesus Christus.
Die lutherische Kirche – und die evangelische Kirche in Württemberg ist ja auch lutherisch geprägt – vertritt hier eine Mittelposition: Wir essen ganz normal eine Oblate und trinken normalen Wein, aber dennoch ist Jesus in, mit und unter Brot und Wein dabei.
Wenn wir uns das an den Abendmahlsworten noch einmal anschauen (Mt 26,26–28 in Verb. mit Lk 22,19): Die katholische Kirche betont sehr stark: „Dies ist mein Leib“ und „Dies ist mein Blut“. Das ist ein sehr wörtliches Verständnis. Dieser Aspekt wird ja auch in unserem Predigttext betont. Und die reformierte Kirche betont sehr stark: „das tut zu meinem Gedächtnis“. Die andere Aussage „Dies ist mein Leib“ ist dagegen nicht so sehr im Blick.
Das Problem ist aber, dass beide Aussagen hier im Text stehen. Darum denke ich, dass die lutherische Mittelposition der Bibel am nächsten kommt. Weil man nämlich beides miteinander verbinden muss. Die eine Aussage darf nicht auf Kosten der anderen überbetont werden. Jesus sagt ja: Dies ist mein Leib, und dies ist mein Blut. Und andererseits sagt er auch: Wenn ihr davon esst, dann tut das im Gedenken an mich. Das eine schließt das andere nicht aus.
2. Das Abendmahl – ein Essen mit Folgen
Das Abendmahl hat Folgen, wenn man es genau nimmt. Das Abendmahl hat die Folge der Unsterblichkeit: Jesus sagt: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken.“ (Joh 6,54) Und der Kirchenvater Ignatius von Antiochien bezeichnete das Abendmahl im 2. Jh. daher als „phármakon athanasías“, also „Medizin zur Unsterblichkeit“ (IgnEph 20,2). Wie wird man unsterblich? Sicher nicht, indem wir eine Pille schlucken!
Alles, was wir in der Apotheke bekommen, ist „Medizin zur Sterblichkeit“, die zögert unser Sterben nur hinaus, wenn’s gut läuft. Aber das, was wir in der Kirche bekommen, ist „Medizin zur Unsterblichkeit“, die schenkt uns das ewige Leben. Das Abendmahl ist die Frucht vom Baum des Lebens, das Abendmahl ist die Frucht des Sterbens Jesu am Kreuz! Der Lebensbaum steht auf Golgatha, von Jesu Wunden kommt das Heil.
Nun könnte man diese Aussage Jesu so missverstehen, dass durch das bloße Schlucken des Abendmahls das ewige Leben geschenkt würde, sozusagen als Schluckimpfung. Nein: Nicht das Essen zählt, sondern es geht darum, „Jesus zu verinnerlichen“. Jesus sagt: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm.“ (Joh 6,56) Jesus muss in unser Herz kommen. Er kommt nur in unser Herz, wenn er bei uns Glauben findet. Jesus in mir und ich in ihm – darauf kommt es an.
„Der Mensch ist, was er isst.“ sagt man ja. Die Atome und Moleküle aus unseren Mahlzeiten werden zu einem Teil von uns. In ähnlicher Weise geschieht dieses Geheimnis „Christus in uns“ durchs Abendmahl. Man muss Jesus verinnerlichen. Es reicht nicht, zuzuschauen, wie andere essen. Es reicht nicht, in das Christentum nur hineinzuschnuppern. Man muss Jesus schmecken können. Jesus muss ein Teil von dir werden, ein Teil von Ihnen werden. Wer Jesus nicht isst, der ernährt sich falsch!
3. Das Abendmahl – ein Essen mit Kalorien
So wie wir täglich essen, sollten wir jeden Tag auch geistliche Kalorien zu uns nehmen. Ich weiß nicht, ob Sie das Gefühl kennen, äußerlich satt zu sein, aber seelisch Hunger zu haben. Ich kenne es.
Viele Menschen haben es aber erfahren und ich auch, dass so ein Abendmahl wahnsinnig viele Kalorien enthält. Geistliche Kalorien, die einem oft Energie für eine ganze Woche geben. Kein Knoppers für zwischendurch morgens halb zwölf in Deutschland, sondern eine echte Kalorienbombe.
Was macht wirklich satt? Neben dem Abendmahl schenkt Gott uns auch andere gute Dinge, die unser Innerstes satt machen. Es gibt eine ganze Reihe an Möglichkeiten, was unsere Seele zur Ruhe bringt:
1) Das Abendmahl. Das ist zum einen das Abendmahl. Aber ich möchte heute auch noch andere Möglichkeiten nennen. Für den Gottesdienst heute war vom Gottesdienstplan her kein Abendmahl vorgesehen; ich denke, es ist auch in Ordnung so, damit wir einfach nur den Predigttext auf uns wirken lassen können und ihn verdauen können. Heute waren es also eher Gedanken übers Abendmahl, die vielleicht Appetit auf ein Abendmahl ein andernmal machen.
2) Mit Gott reden, Gott anbeten, das Herzensgebet: Also in Gemeinschaft mit Gott treten, ihm meinen ganzen Frust von der Seele reden. Aber ihn auch für seine Größe anbeten und ihm danken für all das Gute im Leben, auch das tut der Seele gut. Und das Herzensgebet kann einen bei vielen Tätigkeiten begleiten, weil es so einfach ist: „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.“ Jedes Ein- und Ausatmen wird dann zum Gebet.
3) Sitzen und schweigen, sich spüren: Dies wird in der christlichen Meditation sehr betont. Eine weltliche Variante der christlichen Meditation ist das autogene Training.
4) Eine nächste Möglichkeit ist, die Bibel zu lesen und geistliche Schriftsteller zu lesen. Einfach eine Zeit der Besinnung haben. Ich selbst nehme mir gerne geistliche Klassiker vor. Man kann auch hin und wieder eine Schwarzbrotpredigt hören.
5) Wandern/pilgern. Eine Kirchengemeinderätin, die ich kenne, geht in diesen Tagen für mehrere Monate auf den Jakobsweg und hat das Pilgern für sich entdeckt. Viele Menschen, die gepilgert sind, berichten, dass sie im Laufe der Tage eins mit sich werden und auch wieder neu zu Gott finden.
All diese Möglichkeiten, die ich hier genannt habe, die fasst man ja auch unter dem Begriff „christliche Spiritualität“ zusammen. Es sind Kraftquellen für den Alltag. Sicherlich haben Sie schon die eine oder andere für sich entdeckt. Ich lade Sie ein, sich aus dieser Fülle Gottes zu bedienen. Guten Appetit.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.




