Pfarrer Jens Keil
Predigt vom 7.11.2011: Römer 14,7-9

 
Wir leben in Beziehungen. Das heißt: Wir haben eine Beziehung zu etwas oder jemandem. Wir sind auf ihn, sie oder etwas bezogen. Wir stehen in Beziehungen.
 
So sind wir Menschen. Wir können gar nicht anders. Wir treten zu unserem Umfeld in Beziehung. Damit meine ich nicht nur Menschen, sondern ich meine auch die Dinge um mich herum, die Umgebung, in der man lebt, die Lebensumstände. Wir können gar nicht beziehungslos sein. Wir müssen auf beziehungsweise Leben.
 
Um ohne Beziehungen zu leben, müsste um uns nichts sein, das Nichts. Das wäre der Tod. Nur im Tod sind wir beziehungslos. Ist das der Tod – Beziehungslosigkeit?
 
Beziehung ist Leben – und Leben lebt sich nur in Beziehung. Und es macht einen Unterschied, in was für Beziehungen ich lebe, wie die Menschen oder die Dinge sich auf mich beziehen. Ja – es macht mich sogar aus, bestimmt, wer ich bin. Wenn die Beziehungen sich verändern – verändere ich mich – verändern die neuen Beziehungen mich.
 
Ein paar Beispiele: Ich bin in der Heimat, ich bin zuhause ein anderer Mensch als auswärts oder gar in der Fremde. Zuhause lasse ich mich gehen, bin entspannt, hat auch meine Seele die Jogginghose an und legt die Füße auf den Tisch. Auswärts habe ich mein Visier geschlossen  - mal mehr, mal weniger – aber immer bin ich einen Tick vorsichtiger. In der Fremde gar bin ich schnell verunsichert. Da wird auch ein selbstbewusster Mensch schnell schüchtern und scheu.
 
Ein anderes Beispiel: Wenn mich jemand anlächelt, lächle ich unwillkürlich zurück. Ein Kinderlachen weiß auch Herz aus Stein zu erweichen, so sagt man. Das wissen Großmütter und Großväter: Auch kurz nach dem Tod des Ehepartners sind es die Enkel, die die Schatten der Trauer wenigstens für einen kurzen Moment zu vertreiben wissen.
 
Wenn mich jemand anlacht – geht es mir gut. Spätestens wenn wir euch, liebe Stettener sehen, wir ihr fröhlich und lachend im Bus uns zuwinkt, wissen wir: Das wird ein guter Tag.
 
Wir leben in Beziehungen. Sie machen das Leben aus und sie machen auch uns aus. Es gibt keine beziehungslose Identität. Mein „ich“ ist nicht statisch unabhängig von meiner Umgebung, von meinem Umfeld. Ich bin das Ergebnis einer Summe von Beziehungen – und wenn sich diese ändern, bin ich morgen ein anderer – nicht gänzlich – und doch sichtbar, spürbar.
 
In dem Predigttext, der für den heutigen Sonntag vorgeschrieben ist, geht es darum, welche Beziehung uns letztlich bestimmt, uns ausmacht, und welche Beziehungen auch letztlich tragen. Ich lese aus dem 14. Kapitel des Römerbriefs die Verse 7 bis 9: Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.
 
Liebe Gemeinde, sie kennen die Verse. Sie sind ein Klassiker. Viele können sie auswendig. Gehört haben sie sie schon oft – auf dem Friedhof oder aber in unseren Abkündigungen, wenn wir am Ende des Gottesdienstes der Verstorbenen in unserer Gemeinde gedenken. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.
 
Die Verse sind ein kurzes Glaubensbekenntnis. Sie bringen den Glauben auf den Punkt und zwar aus der Sichtweise des Menschen in seinen Bezogenheiten – und zwar gleich von Beginn an: „Denn unser keiner lebt sich selber…“
Keiner lebt sich selber – denn das wäre kein Leben. Sich selber zu leben – das wäre ein Widerspruch in sich – das wäre der Tod. Man kann sich um Unabhängigkeit bemühen, eine gewisse Autarkie sich erkämpfen, doch letztlich bleibt man in den Beziehungen vernetzt.
 
Wie diese Beziehungen gelingen können, darüber macht sich die Psychologie viele Gedanken. Die Transaktionsanalyse hat in einem bestechenden simplen Schaubild die Möglichkeiten analysiert. Es gibt zwei Zustände, in denen du und ich – wir uns befinden und begegnen.
 
Das ist der Zustand des „Okay“. Ich fühle mich gut. Ich bin alles in allem zufrieden mit mir. Ich habe einen Stand und einen Platz in dieser Welt. Ich bin in Einklang mit meinem Umfeld. Das Gegenteil ist dementsprechend. Ich bin nicht okay. Ich halte mich selbst für ungenügend. Bin mit meinen Leistungen nicht zufrieden, bin verunsichert, unsicher.
 
Und das ganze, liebe Gemeinde, ist dynamisch. „Immer schraubst du die Zahnpasta nicht zu. Ich kann das nicht leiden, wenn du so unachtsam bist.“ Das gibt Streit – und es ist klar warum. Die Botschaft ist: Du bist nicht okay. Du bist unachtsam. So bist du, der ganze Mensch: Nicht okay. Und, liebe Gemeinde, ich bin ganz sicher, der andere wird nicht sagen: „Ja, Schatz, ich werde mir Mühe geben.“ Er wird sich eine Retourkutsche überlegen. Anders hört sich das an, wenn man sagt: Ich liebe dich, aber du hast die Zahnpastatube nicht zugeschraubt. Das stört mich. Wärst du bitte mir zuliebe so freundlich und schraubst sie zu?
 
Aber dementsprechend die anderen Möglichkeiten: Beziehungen, in denen der eine beständig an dem anderen rumnörgelt, sind nicht von Dauer. Auch wenn ich die ganze Zeit mein Licht unter den Scheffel stelle, so mag das eine Masche sein, um nach Komplimenten zu fischen, auf Dauer geht das nicht gut. Für den Eklat sorgt meist, wenn zwei Mal Minus aufeinandertreffen, wenn beide einander sich für Nichtokay halten.
 
Gelingendes Leben ist der Zustand, wenn ich mit mir und mit meinem Umfeld im Okay bin. Und wenn mein Gegenüber im Okay ist und mir im Okay begegnet. Aber wir wissen alle, wie selten das gelingt. Es gibt Kräfte, die nehmen uns in Beschlag, die besetzen uns, die setzen uns ins Minus und wir können uns auf Dauer nicht dagegen wehren.
Das sind Menschen, die uns angreifen. Die uns auf ungute Art und Weise kritisieren. Im Beruf werden wir gemobbt. Der Lebenspartner nörgelt beständig an uns herum. Unsere Ängste setzen uns ins Minus, lassen uns schwach und verunsichert zurück. Das ist Sünde, liebe Gemeinde. Sünde sind die Todeskräfte, die Beziehungen vergiften, zerstören. Die Beziehung zu uns selbst, zum Leben, zueinander, zu Gott.
 
Hass und Gewalt, Gier und Neid, Angst, schlecht verheilte Verletzungen an Leib und Seele, Egoismus, Hartherzigkeit, Stress und Hektik, Lieblosigkeit – die Liste der Kräfte ist lang, die uns selbst ins Nichtokay setzen, und in Folge dessen wir unser Gegenüber.
 
„Nein – keiner lebt sich selber.“ Wir sind miteinander verbunden, miteinander in Beziehung getreten oder in Beziehung gesetzt, freiwillig oder unfreiwillig. Und weil wir Menschen sind und – so nennt es die Bibel – „unter der Sünde leben“ – sind unsere Beziehungen zerbrechlich, ihr Gelingen wackelig, gute Beziehungen selten von Dauer.
 
Zum Zweiten: „Denn dazu ist Christus gestorben“ – nun „Mensch geworden“ - zuallererst – und das meint: Gott ist mit uns in Beziehung getreten. Er war nicht der „unbewegte Beweger“, wie Thomas von Aquin es dachte, der am Anfang einmal alles anschuckt und es dann laufen lässt. Er zieht auch nicht im Himmel die Fäden. Der dreieinige Gott, der als Vater, Sohn und Heiliger Geist in sich selbst ja schon gelebte Beziehung ist, tritt mit uns in Beziehung, nicht als donnergrollender Gott von oben herab aus den Wolken heraus, sondern als Jesus, als Mensch, von Angesicht zu Angesicht, auf Augenhöhe sozusagen, unsere Sprache sprechend.
 
Das ist ein Wunder. Der Gott des Himmels und der Erde bezieht sich auf uns. Aus Liebe – denn das ist die Kraft, der Beziehungsleim. Er fühlt mit uns. Leidet mit uns in unserer Menschlichkeit, in unserer Zerbrechlichkeit. Unterbricht die Beziehung nicht, wenn es weh tut.
 
Denn das macht ihn, unseren Gott, aus. Das lässt Jesus zum Christus werden, zum Sohn Gottes. Seine Beziehung zu uns gelingt und verwandelt uns zu Menschen, die im Okay sind.
 
Seine Menschwerdung ist schon Zuspruch: „Du, Mensch, bist okay.“ „Du, Mensch, bist es mir wert.
 
Sein Tun und Handeln wie auch seine Worte, seine Predigt, haben diese eine Botschaft: Gott ist der Vater, der dir mit offenen Armen entgegenläuft, um das verlorene Kind, das sich selbst ins Nichtokay gesetzt hat, zu umarmen und ins Okay zu setzen. Wir denken an den Zöllner und an die Prostituierte. Vergebung und Versöhnung, Heilung und Gericht – im Sinne der Aufrichtung freilich – sind Kräfte, in denen Gott uns durch Jesus Christus in eine neue gelingende Beziehung setzt: Zu Gott, zu uns selbst und zueinander.
 
Und also Drittens und letztens: „Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“
Durch Jesus Christus sind wir bezogen auf Gott. Durch Jesus Christus hat sich Gott mit uns in Beziehung gesetzt, zwar auf göttliche Art und Weise: Unverbrüchlich und letztlich gelingend. Das macht den dreieinigen Gott aus: Er ist Leben. Er ist Beziehung.
 
Und seine Beziehung zu uns ist stärker als der Tod, überdauert auch den Moment der Beziehungslosigkeit, wenn alles abbricht, wenn wir uns von allem verabschieden, wenn wir entrissen werden dieser Welt und wir uns von allem, was uns lieb und teuer ist, verabschieden müssen.
 
Der Tod ist Beziehungslosigkeit. Aber wir leben, werden leben, weil Gott sich mit uns in Beziehung gesetzt hat. Für die Gottesbeziehung, für die Beziehung Gottes zu uns, ist es irrelevant, ob wir leben oder ob wir sterben – wir sind sein – und alle Todeskräfte, alle Sünde, vermag daran nicht zu rütteln: Wir sind seine Kinder. Wir sind bezogen auf Gott.
 
Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.
 
Liebe Gemeinde, wir leben in vielfältigen Beziehungen. Diese Beziehungen verändern uns. Machen uns aus. Manchmal bemächtigen sie sich unser und bestimmen uns.
 
Letztlich ist es aber die Beziehung Gottes zu uns – nicht unbedingt unsere Beziehung zu Gott – die allein wichtig ist und uns ausmacht. Wir als seine Kinder sind ihm, sind sein, unserem Vater.
 
Er liebt uns. Er kämpft um uns. Immer wieder vergibt er uns, heilt uns, richtet uns und richtet uns auf, befreit uns.
 
Auf vielfältige Art und Weise setzt er uns immer wieder ins Okay, wenn die Todesmächte wieder ihre Finger nach uns ausstrecken. Und das verändert uns. Macht uns immer wieder zu neuen Menschen.
 
Weil wir geliebt werden so wie wir sind, können wir lieben, uns zumindest darum bemühen, bedingungslos zu lieben.
 
Weil uns vergeben wird, können wir vergeben.
 
Weil Gott darum kämpft, dass wir Menschen werden, die jenseits der Sünde, der Beziehungslosigkeit, leben, fühlen wir uns unserseits dazu aufgerufen, dafür zu kämpfen, dass diese Welt eine Bessere wird, in der Beziehungen gelingen.
 
Weil Gott uns ins Okay setzt, können wir den Menschen anders begegnen, als Menschen, die okay sind. Nichts anderes ist Segen – sein bedingungsloses „du bist okay!“
 
Weil die Beziehung Gottes stärker ist als der Tod, können wir dem Tod ins Angesicht schauen, denn Gott wird uns halten, uns hindurchführen und unsere Füße auf weites Land stellen.
 
Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.
Amen
 
Es gilt das gesprochene Wort!

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