Predigt vom 8. Mai 2011
Pfr. z.A. Dr. Sönke Finnern

Psalm 23:
 1 Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
 2 Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
 3 Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
 4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
 5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
 6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.
 
Liebe Gemeinde,
 
das Bild vom guten Hirten ist sehr eindrücklich. Vielleicht kennen Sie Menschen, die vielleicht sogar ein Bild vom guten Hirten in der Wohnung aufgehängt haben oder eine Skulptur stehen haben, wo ein Hirte ein kleines Schaf auf den Schultern hat.
 
    Hier sehen Sie ein Bild von dem bekannten Maler Sieger Köder: Ein Hirte hat sein Schaf wiedergefunden. Er trägt es zärtlich auf den Schultern und schaut es liebevoll an. Auf der linken Seite machen Menschen Musik, sie spielen Geige und Flöte; auf der rechten Seite lachen die Menschen; jemand streckt den Arm zum Himmel, um Gott zu danken, und im Vordergrund ist ein Blumenstrauß als Geschenk zu sehen. Den Blumenstrauß finde ich sehr passend, denn er kann zeigen: Heute ist nicht nur Muttertag, sondern auch der Tag des wiedergefundenen Schafes.
 
     Bilder oder Skulpturen vom guten Hirten, die bei manchen vielleicht zu Hause stehen, können uns immer wieder daran erinnern: Es ist jemand da, der für mich sorgt; selbst wenn mich andere Menschen vergessen, Gott vergisst mein nicht. Ich bin immer noch sein Schäflein, egal, ob ich ein schwarzes Schaf bin oder ein weißes Schaf oder ein graues Schaf. Gott ist der gute Hirte, der mich führt; Jesus ist mein guter Hirte. Bei ihm sind wir geborgen. Und wenn wir in Gottes Arme zurückkehren, dann verspricht Gott: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ – So steht es im Propheten Jesaja (Jes 66,13).
 
    Der Psalm 23 ist der wohl bekannteste Psalm der Bibel. In keinem anderen Psalm ist das Verhältnis zwischen Gott und uns Menschen so anschaulich beschrieben und wohl kaum ein anderer Psalm hat eine solche Tiefe in seinen geistlichen Aussagen. – Ich möchte nun mit Ihnen einfach an den Versen des Psalms 23 entlanggehen, dass wir miteinander die Aussagen ein wenig bedenken und meditieren, sie uns quasi auf der Zunge zergehen lassen und sie schmecken und riechen und fühlen.
 
    „Der Herr ist mein Hirte“ – was heißt das? Der Psalm gibt einige Antworten darauf. Die erste ist: „Mir wird nichts mangeln.“ Weil der Herr mein Hirte ist, wird mir nichts fehlen!?
 
    Ich frage mich: Ist das als eine objektive Feststellung gemeint? Also: Glaube nur, und dann kann es dir gar nicht schlecht gehen? Glaube nur, dann wirst du immer nur Gutes erleben? Glaube nur, dann wird dir kein Geld fehlen, dann wirst du alles erreichen, dann werden sich alle Wege vor deinen Füßen ebnen, dass du deinen Fuß nie mehr an einen Stein stoßest. So sagen es ja auch manche Christen. Aber stimmt das? Ist das die Wirklichkeit? Wenn wir das als absolute Aussage ansehen: „Mir wird nichts mangeln“ und damit keine Schwierigkeiten haben, dann schweben wir wahrscheinlich zehn Zentimeter über dem Boden – entweder weil wir tatsächlich gerade ein besonderes Glück erleben oder weil wir die Realität verleugnen. Nein – es gibt die Erfahrung, dass mir und anderen Christen etwas mangelt. Auch Christinnen und Christen finden keinen passenden Ehepartner. Auch Christinnen und Christen können keine Kinder bekommen, selbst wenn sie es sich so sehr wünschen. Auch Christinnen und Christen können geliebte Menschen verlieren. Wenn dann doch Gebete unerhört bleiben, wenn dann doch Schlimmes geschieht, dann kommen die Zweifel: Ist Gott tatsächlich auch mein Hirte, der auch auf mich aufpasst? Und ist Gott ein guter Hirte?
 
    Ich denke, der Satz: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ ist keine Aussage, die man als objektive Feststellung absolut setzen kann. Schließlich ist auch nur wenig später vom finsteren Tal die Rede, durch das man wandern kann. Ich denke, es ist eher ein Satz, der uns Vertrauen lehren will. Es ist ein Gegen-Satz, der gegen unsere Erfahrung spricht; eigentlich kann diesen Psalm nur jemand beten, der auch den Mangel kennt. Es ist ein Satz, der Mut macht, wenn wir ihn immer wieder beten: „Mir wird nichts mangeln“. Der ganze Psalm ist eher eine Anleitung zum Gebet: „Gott, ich will dir vertrauen, dass du meinen Mangel stillst – dass du meinen Mangel stillst auf deine Weise.“
 
    Nun könnte man den Satz auch anders betonen: „Der Herr ist mein Hirte“ (und nicht deiner, mit Betonung auf „mein“), das würde dann heißen: Ich habe Gott im Griff, Gott ist sozusagen mein Besitz. Wenn mir etwas mangelt, dann hat er seine Aufgabe nicht gut gemacht. Und ich als Schaf könnte ihm kündigen. Das geht ja nicht ... Wenn wir so denken, dann drehen wir den Psalm eigentlich um: Dann habe ich Gott sozusagen als Hirten angestellt und kann ihn beurteilen. Wenn wir mit Gott so umgehen, dann ist Gott eigentlich unser Schaf und wir wollen sein Hirte sein. Nein: Gott ist der Herr, Gott ist der Hirte, Gott sitzt im Regimente und nicht ich.
 
   Der Herr ist mein Hirte – was heißt das? Kommen wir zu den nächsten Versen.
 
   „Er weidet mich auf einer grünen Aue“: Diese „grüne Aue“ erleben wir gerade jetzt im Mai sehr intensiv, wenn wir hinausschauen ins Grüne. Gott als guter Hirte macht mit mir einen „Ausflug ins Grüne“ – genießen Sie also gerne die Natur in diesen Tagen. Hier begegnet uns Gott als Schöpfer – und wenn Sie die Felder sehen, denken Sie an den, der das tägliche Brot schenkt. An der grünen Aue können sich unsere Augen weiden und unser Herz.
 
   „Er führet mich zum frischen Wasser“. In einer Zeit, wo das Trinkwasser ganz einfach aus der Leitung kommt und fast nichts kostet, ist der Satz nicht so gut zu verstehen. Doch in Israel und Palästina war das Wasser schon immer knapp. Gerade die Wasserquellen waren sehr kostbar. Der Psalm sagt nun: Gott als mein Hirte lässt mich immer wieder solche Wasserquellen finden, wenn ich sie brauche. Was kann dieses „frische Wasser“ sein? Oft ist es weniger das Wasser im wörtlichen Sinn, sondern die Erfrischung für das Innere. Wie es auch direkt danach heißt: „Er erquicket meine Seele“. Jesus sagt einmal zu den Menschen, die um ihn stehen: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Mt 11,28) – Und bekannt ist auch der Satz von Augustinus: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet, Gott, in dir.“ – Das erlebe ich immer wieder im Gebet, im Singen, im Gottesdienst, in der Stille, in der Natur, dass Gott mich auf diese Weise erquickt und erfrischt.
 
    „Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.“ – Hier ist nun ein neuer Gedanke angesprochen, der Gedanke vom Lebensweg. Unser Leben ist wie ein Weg, den man unaufhörlich abschreitet. Ein Weg, auf dem jede Sekunde ein Schritt ist. Ein Weg, an dem es immer wieder Weggabelungen gibt und auch Überraschungen. Ein Weg, den wir nicht kennen, für den wir in der Regel keine Straßenkarte haben! – Doch können wir Wanderer fragen, die bestimmte Wege schon gegangen sind. Wir können Wanderer fragen: Ist dieser Weg gut? Was hast du auf diesem Weg erlebt? Viele Lebenswanderer, die mit Gott wandern, können auch im Nachhinein sagen: Das war ein guter Weg. Darum, wie wir gesungen haben: „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt / der allertreusten Pflege, des der den Himmel lenkt.“
 
   „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück“ – Ja, auch Menschen, die Gott vertrauen, können im finstern Tal wandern. Auch Jesus sagt: „In der Welt habt ihr Angst“ – aber er fügt noch einen zweiten Satz hinzu: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Joh 16,33) In der Welt gibt es immer Menschen und Dinge und Situationen, die stärker sind als wir. Aber in all dem dürfen wir wissen: Es gibt noch jemanden, der noch stärker ist als das, was uns in dieser Welt zu schaffen macht. Und dieser Jemand, Gott, steht uns zur Seite: „… denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ Jesus sagt ja: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt 28,20)
 
    „Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.“ – Hier ist auf einmal vom Tisch die Rede, an den man sich setzt. Und davon, dass Gott uns mit kostbarer Creme pflegt und uns gar nicht knauserig den Becher einschenkt. Hier wird also das Bild vom Schaf und vom Guten Hirten durchbrochen, es wird klar, dass es natürlich nur ein Bild ist, um das Verhältnis von Gott und Mensch zu beschreiben. Hier wird es deutlich: Mit Gott kann ich ein Fest feiern, ich kann essen und trinken und mich pflegen und schick anziehen. Und das alles „im Angesicht meiner Feinde“. Die Schwierigkeiten sind nicht vorüber. Die Schwierigkeiten sind da. Aber wir sollen mit Gott eben mitten im Leben feiern.
 
    „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang“ – Man kann es so deuten: Mit Gott als meinem Hirten bin ich ein Glückskind. Aber steht hier wirklich: „Ich werde Gutes und Barmherzigkeit erleben mein Leben lang“? Nein, hier steht: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen …“ Vielleicht ist es auch so gemeint: Ich hinterlasse die Spuren „Gutes“ und „Barmherzigkeit“. Beides findet sich in den Schafspuren der Nachfolger des Guten Hirten.
 
     „… ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“ – Nachher werden wir die Kirche als Gebäude wieder verlassen. Und trotzdem können wir auch zu Hause im Haus des Herrn bleiben; wenn nämlich unser inneres Zuhause bei Gott ist. „Unsere Heimat ist im Himmel“, so schreibt es Paulus einmal (vgl. Phil 3,20). Und Jesus sagt: „Ich gehe hin, euch die Wohnung zu bereiten.“ (Joh 14,2) Mit dieser neuen Wohnung sind wir schon jetzt im Inneren verbunden. Auch wenn wir in unserem Leben so manches Mal umziehen mussten oder sogar heimatlos geworden sind, es bleibt doch ein Zuhause – das Zuhause bei Gott, das Zuhause im Himmel. Und dieses Zuhause bleibt in Ewigkeit.
 
   Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.
 

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