Pfarrer Jens Keil
Predigt am Ewigkeitssonntag (Off. 21,1-7)
„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.
Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß sprach: Siehe, ich mache alles neu!
Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das 0, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.“
Liebe Gemeinde, das müssten wir selber sehen, diesen neuen Himmel und diese neue Erde. Die müssten wir selber hören, die große Stimme von dem Thron, die spricht: „Siehe da, Gott ist bei den Menschen.“ Das müssten wir selber spüren können, wie Gott unsere Tränen abwischt und die Gewissheit schenkt, dass es keinen Schmerz mehr geben wird – nie wieder – keine Trauer und keinen Tod. Das alles müssten wir selber glauben können, was uns da verheißen wird, müssten diese Vision des Johannes selbst gehabt haben.
Wer kann sich denn damit begnügen, dass einer einst vor vielen hundert Jahren diesen Himmel gesehen, diese Stimme gehört hat? Visionäre müssten wir selber werden oder aber einfach Glaubende, schlicht Glaubende. Menschen, die glauben, dass das Leben nicht ein Ende, sondern ein Durchgang ist, dass Gott alles neu macht: unsere wunden Seelen, unsere tränenleeren Augen und das vor Trauer kranke Herz.
Sie, liebe Trauernde, kommen von einem Ende her. Gerade heute, gerade am Ewigkeitssonntag ist das so, dann wenn der Name des lieben Menschen in dieser Kirche verlesen wird, den sie so schmerzlich vermissen. Hätten sie das vor einem Jahr gedacht? Saßen Sie womöglich vor einem Jahr in dieser Kirche und dachten: „Nächstes Jahr werde ich hier sitzen und diesen Namen hören?“
Ich bin in diesem Jahr hinter manchen Särgen und Urnen hergegangen. Aber was wiegt das alles gegen die Erfahrung derer, die einem einzigen Sarg folgen mussten? Dieser eine Sarg war für Sie ein Ende. Da ist eine Tür ins Schloss gefallen. Da ist einer, da ist eine hindurchgegangen.
Die Tür ist zu, und schon weiß ich nicht mehr genau wie es wirklich war. Du warst da. Ich spüre noch deine Hände, spüre den Atem neben mir im Bett. Ich höre deinen Schritt auf der Treppe, höre, wie die Tür aufgeht. Denke, gleich wirst du um die Ecke treten. Aber es ist nichts da, es ist alles still. Ich falle in ein Loch, wie in einen abgrundtiefen Brunnen hinein. Was heißt hier trauern, was heißt hier Schmerz? Da ist eine Beschädigung des Lebens, ein Verlust, der wortlos macht. Das Ende ist stumm, es hat keine menschliche Sprache. Je mehr wir geliebt haben, umso weniger können wir es bewahren.
Wir gehen alle, denke ich, auf ein Ende zu. Ich wache auf und habe von meiner eigenen Beerdigung geträumt. Sicher: Ich kann mein eigenes Ende nicht denken, es bin ja immer noch ich, der Lebende, der dieses denkt. Aber ich kann das eigene Ende träumend und schauend vorwegnehmen.
Wie alt bist du eigentlich - 44? Statistisch gesehen hast du die Hälfte deines Lebens hinter dir. Eines Tages wirst du dich niederlegen und nicht mehr aufstehen. Und Menschen werden um dich weinen, einige werden noch an dich denken, dir in Liebe verbunden bleiben. Andere werden dich langsam vergessen. Zurück bleiben Menschen, die ihr eigenes Leben weiterleben, ihr kleines, schönes, langes, kurzes Leben zwischen Geburt und Tod.
Wir kommen von einem Ende her, liebe Gemeinde, und wir gehen auf ein Ende zu. Auch das Ganze, die Welt und alles in ihr, geht auf ein Ende zu. Eines Tages, auf die eine oder andere Weise, durch Hitze oder Kälte, durch Hunger oder Wasser, durch Strahlung oder Bombe, wird die Erde ohne ihre menschlichen Zeugen sein. Eines Tages wird sie ihre Tiere und Pflanzen verlieren, ihre Farben, wie sie in den Augen der Lebenden erscheinen, ihre Signale, die die Zeit im Rhythmus gliedern.
Es ist ja alles so unheimlich vorstellbar geworden, wie die chemische Brühe oder das Öl aus einem Tanker sich in die Flüsse und Meere ergießt, wie auf einmal alles biologisch tot ist. Eines Tages wird ein Tag kommen, der kein Tag mehr sein wird, für nichts und niemandem mehr. Das phantastische, das wunderbare Zwischenspiel der menschlichen Geschichte wird zu Ende sein. Denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.
Ja, das ist das Ende. Das ist gewesen und das wird gewesen sein. Das ist das eine. Aber ist das alles? Kann ich nicht, ja, muss ich nicht noch weiterreden?
Da sind viele Menschen in einem Gottesdienst beieinander, um von jemandem Abschied zu nehmen. Er hat vielen viel bedeutet, der Verstorbene, man spürt es in dem Raum. Es ist eine Stunde der Tränen und der Erschütterung. Zugleich liegt etwas anderes in der Luft – eine Hoffnung, manchmal verzweifelt, manchmal ein trotziges: „Das kann doch nicht alles gewesen sein!“. Das ist etwas in der Luft, dann, wenn der Heilige Geist sich mühsam durch den Schmerz hindurchwühlt, vielleicht manchmal nur als erstes Morgengrauen im Osten in dem ansonsten noch pechschwarzen Nachthimmel. Wie mit Händen ist es zu greifen, zu erspüren: nicht nur ein Ende ist das hier, nicht nur ein Hergeben, nein, ein Übergeben des Lebens ist es, ein Weitergeben, ein Sich-Überlassen, ein Anvertrauen.
„Ach, Herr, lass dein lieb Engelein am letzten End' die Seele mein in Abrahams Schoß tragen ... (EG 397,3) Loblieder, gesungen mit tränenerstickter Stimme, Anfangsgeschichten auch, nicht nur Endgeschichten, Ausblick - nicht nur Rückblick und Sackgasse. „Herr, wenn du deine Schöpfung eines Tages in die Scheuern einbringst, so öffne das doppelte Scheunentor und lass uns dort eintreten, wo nicht mehr geantwortet wird, aber wo die Seligkeit ist, die der Schlussstein der Fragen ist, und die Schau, die befriedigt ... „ (Antoine de Saint-Exupery, „Die Stadt in der Wüste“).
Und jedermann weiß in diesem Raum, in dieser Kirche, und sei es nur für einen kurzen Moment: das ist wahr, dass Gott das doppelte Scheunentor weit auftut und auftun wird und diesen Menschen aufnehmen wird in die Fraglosigkeit der Erfüllung, in seinen Frieden. Leben ist nicht nur Ende, Leben ist Übergang. Wie lautete doch der letzte Satz von Dietrich Bonhoeffer, bevor er zum Galgen hinaufstieg: „Dies ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens.“
Ich denke an mein eigenes Ende. Ist es wirklich ein Ende?
Ich bin doch erwartet worden. Du bist doch erwartet worden, damals als du auf die Welt kamst. Menschen haben sich gefreut, haben dich auf den Arm genommen, das Blut und das Wasser dir aus dem Gesicht gestrichen. Du bist in dieses Leben eingetreten unter einem großen Ja Gottes, unter einem Sinn, und dieses Ja und dieser Sinn kann doch nicht plötzlich ein Ende finden? Man hat auf dich gesetzt, für dich gesorgt.
Du kannst doch nicht für die Vergeblichkeit, nicht für den Tod geboren worden sein?
„Ich lebe“, sagt Jesus Christus, „und du sollst leben.“
Nein, du wirst in Ewigkeit nicht verloren und vergessen, du wirst in Ewigkeit geliebt sein kraft der Auferweckung Jesu Christi von den Toten, meines, deines Bruders, unseres Herrn. Gottes Liebe weiß von keiner Grenze. Wieder wirst du hindurch müssen durch einen engen Kanal und wieder wirst du erwartet, auf den Arm genommen. Wieder wird dir ein dich Liebender das Blut und das Wasser liebevoll aus dem Gesicht streichen und dich in den Arm nehmen.
Und nicht nur dich. Ja, - die ganze Welt. Die Welt, die auf ihr Ende zugeht. Und doch ‑ zugleich ‑ auf eine neue Schöpfung. „Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde." So wie am Anfang die alte, die erste Schöpfung stand, so steht die andere, die neue Schöpfung da.
Wir werden das nicht schaffen, die Welt zu einer neuen Schöpfung zu gestalten. Das haben wir wohl zur Genüge festgestellt: Wir vermögen diese Welt zu verändern, manchmal und auch nur punktuell zu erneuern und zu verbessern – aber was da sein wird ist nicht eine runderneuerte Welt wie man runderneuerte Reifen kaufen kann, die letztlich nichts anderes sind als gebrauchte Reifen ein wenig aufpoliert. Nein – es wird eine gänzlich neue Welt geben und einen gänzlich vollkommen neuen Himmel. Und das vermag nur der Eine, der aus dem Nichts Welten der Liebe durch sein Wort entstehen ließ. Nein – es wird eine neue Schöpfung sein und Gott wird wie eine Mutter die Tränen abwischen.
Die Gebärde unendlicher Zärtlichkeit ist darin, die tastende Hand der Liebe. Das ist die neue Welt. Kein Leid, kein Geschrei, kein Schmerz. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Die Welt ist im Übergang zu dieser neuen Welt und wenn es nicht der Gott wäre, den Christus dieser Welt gezeigt, gelebt hat, ich würde es ihm nicht glauben.
Aber nun, ja, nun glaube ich es, nun sehe ich es an ihm: „Selig sind, die da Leidtragen, denn sie sollen getröstet werden. Selig sind die Friedfertigen, denn sie sollen Gottes Kinder heißen.“ In ihm, in Christus, kommt die Zerstörungswut der Menschen an ihr Ende. Da wird sie hinaufgetragen an das Kreuz. In ihm beginnt mein anderes, mein neue Leben. „Siehe, ich mache alles neu.“
Amen
Es gilt das gesprochene Wort.




