Abschied von einem Traumjob im Talar
Hier haben Rockbands gespielt, hier wurde Gründonnerstag Abendmahl gefeiert an einer riesigen Tafel, hier wurden Krippenspiele aufgeführt oder auch Wollfäden gespannt, um Sonnenstrahlen zu symbolisieren. Hier wurden große Menschen getraut, kleine Menschen getauft und alte Menschen von dieser Welt verabschiedet. Hier wurde auch gepredigt, sonntags und zu vielen besonderen Gelegenheiten. Das Kreuz glänzt golden.Der große Mann geht mit schnellem Schritt und ein wenig andachtsvollem Blick durch die Lukaskirche im Gerlinger Gehenbühl, seine Kirche. "Ich liebe diesen Raum heiß und innig", sagt Pfarrer Jens Keil wenige Tage vor seinem Abschied. Künftig wird eine gotische Kirche "seine Kirche" sein. In Remseck-Aldingen fängt Mitte Februar für den 44-Jährigen ein neuer Lebensabschnitt an, wie für seine beiden Söhne Valentin und Dominik. Keils Frau Barbara hingegen wird weiter nach Leonberg zu ihrem Arbeitsplatz als Sozialpädagogin pendeln. Keil nimmt Abschied nach acht Jahren. Die Reduzierung seiner Stelle auf 75 Prozent sei aber nur der Auslöser für den Weggang zum jetzigen Zeitpunkt gewesen, sagt er. "Ich hatte eh vor, 2011, spätestens 2012 zu wechseln." Wegen seines neunjährigen Sohnes, dem er den Wohnortwechsel nicht am Anfang der weiterführenden Schule zumuten wollte.
Keil hat viel angestoßen im Gehenbühl. Vor allem viel Neues, Unkonventionelles. "Lukas rockt" ist nur ein Beispiel, der Aufbau der Jugendarbeit und eines großen Mitarbeiterstammes von Jugendlichen ein anderes. Oder der Förderverein der Gemeinde: 150 der 1200 Gemeindeglieder haben sich zusammengetan, um eine Jugendreferentin anstellen zu können, wenn der Pfarrer geht. So soll in der Jugendarbeit keine Lücke entstehen. Auf die Idee mit dem Verein ist Keil stolz. Auch darauf, dass er die Gemeinde vorbereitet hat auf die Zeit nach ihm. "Die Gemeinde ist wie die Kirche", sagt der Pfarrer, "sehr offen, flexibel, harmonisch. Hier durfte ich Pfarrer sein, wie es sich alle Pfarrer erträumen."
Das sei auch gekommen, weil die Petrusgemeinde 2002 auf einen Teil eines Dienstauftrags verzichtet und diesen der Lukasgemeinde zugeschlagen habe. "So hatte ich mehr Zeit für Aktionen und die Jugendarbeit, für die Menschen und die Gottesdienstvorbereitung." Auch Zeit, "um mit der Gitarre in den Kindergarten zu gehen und mit den Kindern zu singen". Bei allem Besonderen in der Kirche, seinem Lieblingsort, betont Keil: ""s isch emmer Kirch". Nicht nur Erinnerungen an Begegnungen werden ihm bleiben, auch sehr Persönliches. "Mein Vater hat auf dieser Kanzel seine letzte Predigt gehalten", sagt er. Da stockt seine Stimme einen Moment.
Keils Fazit: "Wir haben hier zusammen viel hingekriegt. Ich trauere wirklich." Aber er freue sich auch "auf neue Menschen und neues Leben".
Der Abschiedsgottesdienst mit Empfang ist am Sonntag, 6. Februar, um 10 Uhr, die Investitur in Aldingen am 20. Februar.
Von Klaus Wagner
Artikel aus der Stuttgarter Zeitung Strohgäu Extra vom 27.01.2011




