Evangelisches zur Fasnet
Folgenden Beitrag habe ich für das Jugendnetz.de geschrieben.
Liebe! - und sei so frei.
Als Pfarrer in Mühlheim fragte mich eine Konfirmandin (13 Jahre), ob sie zur Fasnet dürfe. Ihrer Großmutter zufolge dürfe eine evangelische Konfirmandin nicht auf den Fasnetsumzug in das katholische Nachbardorf nach Fischingen. Amüsiert widersprach ich: Klar dürfe sie da hin, sie solle halt nichts trinken. Am nächsten Tag erfuhr ich, dass sie mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert wurde.
"Manchmal denke ich, dass Spießer das brauchen"
Als Kind hat mir die Faschingszeit viel Spaß gemacht. Heute allerdings habe ich dafür nicht mehr viel übrig, ohne dafür wirklich Gründe nennen zu können. Manchmal denke ich, dass Spießer das brauchen, weil sie sich sonst nicht trauen, mal so richtig zu feiern. Dabei liebe ich es, mich zu verkleiden oder eine andere Rolle zu spielen.
Allerdings habe ich Respekt vor den alten Traditionen der Hexenzünfte. Die Disziplin, die festen Regeln und die alten Traditionen beeindrucken mich. Die jungen Verbindungen, wie sie allerorten aus dem Boden schießen, erscheinen mir dagegen künstlich.
Ist Fasnet "unevangelisch"?
Erst als Pfarrer in Sulz erfuhr ich, dass das Fasnettreiben "unevangelisch" sein soll. Der evangelische Kindergarten boykottierte diese Zeit und feiert ein "Indianerfest".
Eigentlich ist die Fasnet ein christlicher Brauch aus dem vorreformatorischen (katholischen) Mittelalter. Es ist die Zeit kurz vor der 40tägigen Fastenzeit, der Passionszeit. Es heißt, dass in der Fasnet alle verderblichen Nahrungsmittel aufgebraucht werden sollten (Fleisch, Fett, Butter usw.) bevor sie in den sechs darauf folgenden Wochen verderben. Natürlich wird die Fasnet für die Menschen auch ein Ventil gewesen sein, bevor die harte und lustlose Zeit beginnt.
Die evangelischen Christen standen solchem Treiben lange Zeit skeptisch gegenüber – wie überhaupt gegenüber allem, was lästerlichem Vergnügen, Tanz und Trunksucht nahe kam. Das war " katholisch " und somit abzulehnen, genauso wie man das Fasten ablehnte. Wer Angst hat vor der großen Schwesterkirche legt Wert auf Unterschiede. Erst im 20. Jahrhundert finden sich auch in evangelischen Städten und Gemeinden Narrenzünfte und Veranstaltungen. In Gerlingen gab es dieses Jahr sogar einen evangelischen Fasnetsgottesdienst mit Predigt als Büttenrede.
Moderne evangelikale Christen wenden ein, dass bei der Fasnet Spaß mit dem Bösen getrieben werde. Auch dahinter steckt nach meinen Empfinden mehr Angst als Gottvertrauen. Gerade durch diese Angst wird das Böse ja erst mächtig. Und mal ehrlich: Es sind Masken – nicht mehr und nicht weniger.
Paulus: "Nur die Liebe schränkt die Freiheit ein"
Die Frage, ob Fasnet von evangelischen Christen gefeiert werden kann, ist eine Frage von der Art, wie sie Paulus gestellt wurde ( Römer 14 ): "Kann ich als Christ Fleisch essen, das aus Tempelopfern stammt?" Paulus antwortet bekanntlich darauf, dass man als Christ alle Freiheit habe, dass diese Freiheit aber durch die Liebe eingeschränkt werde - unter anderem durch die Liebe zu den "schwachen" Mitchristen. Für mich heißt das: Nicht die Fasnet an sich ist schlecht, sondern das, was man daraus macht. Ist es fröhlicher Mummenschanz oder sind es dümmliche Gruseleffekte? Ist es Kommerz oder Tradition? Oder ist es nur ein weiterer Grund, sich besinnungslos zu saufen? Die Liebe zu dem Menschen lässt mich nun immer wieder neu entscheiden, ob diese spezielle Veranstaltung für diesen speziellen Menschen gut ist.
Also...
Das heißt: Wenn ich gewusst hätte, wie meine Konfirmandin drauf ist, hätte ich es ihr verboten. Eine Dreizehnjährige ist für eine Alkoholvergiftung entschieden zu jung – eigentlich sind das alle Menschen! Allerdings hätte ich meine Entscheidung nicht mit der Schlechtigkeit der Fasnet begründet, sondern damit, dass sie nicht mit Alkohol umgehen kann und dass bei dieser Veranstaltung nicht dafür gesorgt wird, dass Minderjährige keinen Alkohol bekommen.




