Zur Besinnung kommen
... aber wir geben wenigstens nicht auf.
Es gibt Momente im Leben, da scheint dich ein Wort aus der Bibel zum rechten Zeitpunkt zu treffen (als ob es das nicht immer täte). Es ist, als ob es eine Antwort ist auf die Frage, die sich dir just in diesem Moment stellte. Man kennt die Stelle. Man hast sie oft gehört und gelesen. Doch es ist, als hört man die Worte zum ersten Mal. In der christlichen Theologie nennt man das den "Kairos" – den richtigen, von Gott vorherbestimmten Moment, in dem er in dieser Welt Gestalt gewinnt.
Am Donnerstag, 6. Oktober, eröffnete uns Dekanin Hege im Gemeinsamen Ausschuss, dass der Sonderausschuss vorschlägt, die Pfarrstelle der Lukasgemeinde um 25 Prozent zu reduzieren. Am Abend des 7. Oktober – auf dem Kirchengemeinderatswochenende im Kloster Kirchberg – hörten wir in der Abendandacht als Lesung, wie Jesus seine Jünger in die Welt sendet mit den Worten: "Ihr sollt nichts mit auf den Weg nehmen, weder Stab noch Tasche noch Brot noch Geld; es soll auch einer nicht zwei Hemden haben" (Lukas 9,3). Ihr Auftrag: Erzählt den Menschen von Gott.
So hat alles angefangen. Nichts hatten die ersten Christen dabei, außer das eine Hemd am Leib, ihr Gottvertrauen und ihre Bestimmung. So haben sie begonnen den Menschen von Gott zu erzählen. Und sie müssen überzeugend gewesen sein, sonst hätten sie nicht so einen Erfolg gehabt.
Ein Wort zum rechten Zeitpunkt rückt so Manches ins rechte Licht.
Zum ersten: Wir sind und bleiben in der Lukasgemeinde von Gott reich gesegnet. Wir sind und bleiben weit davon entfernt "arm" zu sein. Wir sind traurig und betroffen, dass in rund fünf Jahren ein Dreiviertelpfarrer für die Lukasgemeinde reichen muss. Armut aber ist es was anders. Dankbarkeit für das, was wir haben, sollte uns erfüllen, und nicht Jammer über den Verlust.
Zum Zweiten: Mich beeindruckt, mit welchem Gottvertrauen die ersten Christen losgezogen sind. Der Versicherungsmentalität unserer Optionsgesellschaft kann das fremder nicht sein. Wir sind getrieben, uns beständig alle Möglichkeiten offen zu lassen, um dann doch zu jammern darüber, was wir nie hätten haben können. Vielleicht darf man nur ein Hemd am Leib haben, um offen zu sein für den "Kairos", den richtigen Moment, wenn Gott in das Leben kommt. Dem Wunder Raum geben – das geschieht nicht durch Planung, Voraussicht und Gejammer, sondern durch Dankbarkeit, Offenheit und Demut. Will man den "Kairos" ergreifen, fasst man ins Leere.
In diesen Tagen feiern wir einen anderen "Kairos", in dem Gott Gestalt gewann. Es ist bezeichnend, dass die frohe Botschaft an den vollen Terminkalender hektischer Regierungstätigkeit und Machterhaltungsversuche im herodianischen Palast vorbei die Hirten zuerst erreichte. Offensichtlich konnten sie dem Wunder mehr Raum gelassen.
Kairos – dem Wunder Raum lassen - das ist die weihnachtliche Botschaft, die uns in diesen Tagen begegnet und darüber hinaus reichen kann. Ich wünsche Ihnen für Ihre Advents- und Weihnachtszeit, dass Ihnen dies gelingen möge. Uns allen in der Lukasgemeinde wünsche ich für das kommende Jahr und darüber hinaus, dass wir dieses Weihnachtsevangelium nicht aus den Augen verlieren.
Ihr Pfarrer
Jens Keil
Webandacht
Interview mit Gott
Vaters Liebesbrief



