Zur Besinnung kommen
An Weihnachten wird Gott radikal
Man ist realistisch geworden. Die Zeiten der Visionen und Weltverbesserungsversuche scheinen vorbei zu sein. Über die Republik rollt die Welle der pragmatischen Reformen. Den Politikern kann man dabei kaum einen Vorwurf machen. Sie verwalten lediglich (nicht) vorhandenes Geld. Einig ist man sich zurecht allein darin, dass Schulden eine unzumutbare Last für unsere Kinder sind.
Und so rollt sie nun über die Republik, die Welle der Gesundheits-, Renten- und Arbeitsmarktreformen. Jeder muss hergeben - aber die Reichen ja nicht zu viel, denn nur sie haben die Freiheit zu gehen. Zum Aufschrei kommt es allein dort, wo der eigene Rockzipfel im eisigen Wind hängt. Dabei scheint die Lautstärke der Jammerei im umgekehrten Verhältnis zur Höhe des Einkommens zu stehen. Die wirklich Armen schweigen, denn laut zu werden würde heißen, die eigene Armut preiszugeben.
Was die Gesundheitsreform für Sozialhilfeempfänger bedeutet, liest man nicht in der Zeitung. Die Brille muss nun auch er aus der eigenen Tasche finanzieren und der Strohgäuladen erlebt einen Ansturm wie nie zuvor. Es passt ins Bild, dass das Arbeitsamt für den Laden die ABM-Stellen streicht und die Stadt Ditzingen seine Zuschüsse. Ganz unten wird es eng.
In diesem Licht wird die Radikalität Gottes deutlich. Schon die weihnachtliche Menschwerdung Gottes an sich ist Diakonie, "Dienst" am Bedürften – und dass der Mensch Gottes bedarf, zu dieser Erkenntnis kommt man auch bei einem oberflächlichen Blick auf diese kriegerische und ungerechte Welt. Dass Gott auch noch im Stall zur Welt kommt, offenbart Gott als Radikalen, der die Sache an der Wurzel anpackt (radix lat. = Wurzel). Radikal ist auch die göttliche Solidarität mit der Sterblichkeit des Menschen, indem er den Sklaventod stirbt. Gott geht nach ganz unten, dahin, wo es eng wird.
An Weihnachten erkennen wir auch, wo wir Christinnen und Christen zu stehen haben: An der Seite Gottes. Es ist konsequent, dass die Lukasgemeinde eine diakonische Gemeinde ist. Wir halten Kontakt zur Hangweide. Wir haben einen Besuchsdienst. Im laufenden Jahr ging mehr Opfer (über 3.000 Euro) an diakonische Einrichtungen als die Lukasgemeinde für die eigene Arbeit behalten hat. Allein 1.219 Euro Opfer und Spenden wurden an den Strohgäuladen überwiesen. Auch mit der Aktion Esel rufen wir in der Adventszeit die Menschen auf, abzugeben von dem, was ihnen geschenkt ist (2002 waren es über 2.000 Euro, zusammen mit den Gottesdienstopfern und Spenden über 5.000 Euro).
Darauf dürfen wir stolz sein – und doch ist es selbstverständlich. Schließlich können wir gar nicht anders. Wenn der Staat es sich nicht leisten kann, muss er aufhören sozial zu sein. Wir können es uns aber nicht leisten, von der Diakonie zu lassen, weil wir sonst unsere Identität verlieren.
Die Zeit der Visionen und Weltverbesserungsversuche scheint vorbei zu sein. Der Traum vom Sozialismus und der sozialen Marktwirtschaft ist wohl geplatzt. Die christliche Vision aber von dem Reich Gottes als eine Welt des Friedens und der Gerechtigkeit bleibt weiter bestehen. Weil Gott Mensch geworden ist, können Christinnen und Christen nicht anders als menschlich bleiben. Vielleicht müssen sie manchmal nur Radikaler werden.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie spüren, dass Gott ihnen an Weihnachten gut tun will.
Jens Keil
Webandacht
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