Zur Besinnung kommen

"Der Mensch wird am Du zum Ich"

Es war der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber, der mit diesem schlichten Satz seine "Ich-Du-Philosophie" auf den Punkt brachte: "Der Mensch wird am Du zum Ich."

Erst wenn jemand mich meint, mich vertraut mit Du anredet, mich anschaut – vielleicht anlächelt – trotz meiner Charakterschwächen und meiner Unzulänglichkeiten, - erst dann kommt mein wahres Wesen vollkommen zur Geltung und ich werde zu einem "Ich". Das geschieht aber nicht, wenn jemand mich als Ding, als "Es" behandelt. Wenn er mich nach meinem Äußeren beurteilt, wenn ich nur eine Schachfigur bin in Wirtschaftsverhandlungen oder ein Bauernopfer im Krieg, dann wird mein wahres Wesen mit Füßen getreten und ich werde zum "Es". Erst das "Du" lässt mich zum "Ich" werden.

Deshalb fällt mir Martin Buber ein, wenn ich über dieses Bild von Evi Schöps in unserer Ausstellung nachsinne. Zwei Menschen schauen sich in die Augen. Das vertrauliche "Du" verbindet beide und ihr vollkommenes Wesen entfaltet sich.

Und so wird das "Du" zur Grundlage für alles, was den Menschen ausmacht. Geborgenheit, Halt im Leben, Selbstbewusstein und Identität reifen erst, wenn wir ausreichend "Du-Erfahrungen" im Leben machen. Das gräbt sich in die Seele eines Neugeborenen, wenn die Mutter und der Vater sich über die Wiege beugen und "ihr Angesicht leuchten lassen". Das findet seine Fortsetzung in der Kindheit, wenn die Familie den notwendigen Rückhalt und die Sicherheit gibt, dessen ein Kind in den ersten Jahren so dringend bedarf. Auch eine Ehe funktioniert nur, solange sich die Ehepartner einander in den Veränderungen des Lebens nicht aus den Augen verlieren.

Für Buber ist aber die Begegnung mit dem anderen Menschen nur Abglanz der Begegnung des Menschen mit Gott. Gott ist nicht eine namenlose Macht jenseits dieser Welt, sondern Gott greift ein in unsere Geschichte. Gott war nie ein Volksgott, sondern ist immer "mein Gott", der den Kontakt zur mir sucht. Mein Gott duzt mich. Gott lässt "sein Angesicht leuchten" über mir und mein inneres Wesen entfaltet sich durch ihn.

Im christlichen Kontext gewinnt die intime Gottesbeziehung vollends Gestalt, wenn wir die Menschlichkeit Gottes in der Passionszeit bedenken. Die Annahme meiner Menschlichkeit und meines fragmentarischen Lebens ist die vollkommene "Du-Erfahrung", die ich mit meinem Gott machen kann. Er redet nicht zu mir von oben herab, sondern er wird zu einem Gegenüber. Mein Gott bekommt ein Gesicht.

Auch das fällt mir ein, wenn ich das Bild betrachte: Mein Gesicht ist mit dem Angesicht Gottes durch sein "Du" verbunden. Mein inneres Wesen kommt zur Geltung, weil er mich mit "Du" anredet. Seine Liebe zu mir findet ihren Weg durch das "leuchtende Angesicht", mit dem mir Menschen begegnen.
 

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