Zur Besinnung kommen

 
Gedanken zur Jahreslosung 2003
 
"Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; Gott aber sieht das Herz an." (1. Samuel 16,7).

"Die großen Leute verstehen nie etwas von selbst, und für die Kinder ist es zu anstrengend, ihnen immer und immer wieder erklären zu müssen" - So lautet in dem Buch "Der kleine Prinz" die resignierte Erkenntnis des sechsjährigen Jungen, nachdem die Erwachsenen nicht den verschluckten Elefanten in der Boa erkannten, sondern lediglich einen Hut. "Man sieht [eben] nur mit dem Herzen gut", so eine Weisheit in dem Werk von Antoine de Saint-Exupéry.

Will man der Jahreslosung für das kommende Jahr Glauben schenken, ist es eben dieses Herz, das Gott in den Blick nimmt. Während die Augen des Menschen an der Oberfläche haften bleiben, geht sein Blick tiefer. Er schaut hinter die Kulissen.

So manche Kulisse hat Jesus in dieser Konsequenz als das aufgedeckt, was sie ist: Eine künstliche Welt eben – und natürlich sieht es hinter den aufgemotzten Fassaden des Lebens anders aus: nicht so bunt, nicht so spaßig und nicht so wohlgefällig anzuschauen. Ihn
(be)trog der Schein nicht, und er schaute hin, wo andere wegschauten.
Wir Menschen sind anders. Natürlich fragten die drei Weisen zunächst im Palast des Herodes nach, um dem neugeborenen Königsohn ihre Reverenz zu erweisen. Auf die Idee, dass unser Gott hinter der Scheinwelt politischer Verlogenheit zur Welt kommt – darauf wären sie nicht gekommen. Die Hirten waren zielstrebiger – aber sie lebten auch abseits der bürgerlichen Blickrichtung. Das macht sensibel.

Befreiend ist die Jahreslosung zum einen, weil wir wenigstens vor Gott unser anstrengendes Spiel nicht weiter treiben müssen, das der Beruf und die Menschen uns aufzwingen. Vor ihm müssen wir nicht mehr sein, als wir sind. Vor ihm müssen wir nicht lachen, wenn uns zum Heulen zumute ist. Er liebt auch die vermeintlich hässliche Fratze, die uns morgens im Spiegel zerknittert und ungeschminkt anstarrt. Falten sind für ihn kein Problem, und auch Pickel nicht. Ihm ist ja nichts Menschliches fremd.

Aber die Jahreslosung ermahnt uns auch. Sie disqualifiziert unsere Scheinwelt als Lüge und verlangt von uns, die Dinge beim Namen zu nennen. Menschen werden nicht "freigesetzt", sondern in die Arbeitslosigkeit entlassen. Die Wirtschaft dient dem Menschen und nicht umgekehrt. Die Scheinwelt weihnachtlicher Schaufenster hat etwas mit Umsatz zu tun, nicht aber mit Advent. Nicht umsonst kämpft eine kirchliche Initiative dagegen an, dass sich schon im September Lebkuchen in den Regalen der Läden finden. In der Nachfolge Jesu ist es unser Auftrag, selbst hinter die Kulissen zu schauen und zwischen den Zeilen zu lesen. Sonst finden wir den Stall zu Bethlehem nie.

Kinder – so sie noch nicht verdorben sind – sind da anders. Sie interessiert das Äußere nicht. Sie spüren, wenn wir ihnen etwas vormachen. Vielleicht ist das der Grund, warum Jesus uns die Kinder als Vorbild vor Augen hält: "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen." Wie Gott können sie einen Hut unterscheiden von einer Boa, die einen Elefanten verschluckt hat.

Nehmen wir uns daran einen Beispiel.


 
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