Zur Besinnung kommen
Beklagt wird es seit langem: Deutschland hat die niedrigste Geburtenrate in Europa. Gründe werden viele angeführt. Meist wird über den Egoismus der Menschen geschimpft, die nur an Urlaub und Karriere denken. Allerdings ist das nur ein Teil der Wahrheit. Kinder sind Armutsrisiko Nummer 1. Gaststätten mit einer Kinderecke oder gar einem Kinderzimmer sind Mangelware. Einladungen zu Geburtstagen und Hochzeiten werden zur Tortur für Eltern bewegungshungriger Kinder, weil oft die Gastgeber in einer Umgebung feiern, in denen Kinder nicht willkommen sind. Familien ist es fast unmöglich eine Mietwohnung zu finden. Die Haftpflichtversicherung zahlt bei Schäden durch Kinder unter acht Jahren nicht, da diese nicht "deliktfähig" sind. Eine Ausnahme macht die Versicherung nur bei einer Aufsichtsverletzung. Was für ein Witz: Nur wenn ich ein Rabenvater bin, sind meine Kinder versichert.Dazu kommt, dass die Erziehung der Kinder schwieriger geworden ist. Für Kinder muss das Leben sein wie ein Einkaufsmarkt: Eine Reizüberflutung an Farben und wünschenswerten Dingen. Und alles ist verboten. Klare Grenzen zu setzen ist Erziehungsziel Nummer 1 – und es müssen sehr viel mehr Grenzen sein als noch vor 30 Jahren. Ich habe Verständnis für Eltern, denen im Dauerkampf die Kraft ausgeht.
Im April dieses Jahres hat Bundesfamilienministerin von der Leyen mit den beiden großen Kirchen ein "Bündnis für Erziehung" gestartet. Ziel ist es, Eltern und Kindern auf dem Weg der Erziehung zu helfen. Dabei wird betont, dass "Werte wie Respekt, Verlässlichkeit, Vertrauen und Aufrichtigkeit Leitplanken [sind], die unseren Kindern helfen, ihren Weg ins Leben zu finden".
Das ist wichtig und richtig. Mit über 72 Prozent der Kindergartenplätze in freier Trägerschaft in Deutschland muss die Kirche sich bei diesem Thema einmischen. Doch genauso kommt es darauf an, dass in den Kirchengemeinden vor Ort Kinder willkommen sind, und zwar nicht nur in abgetrennten Bereichen. Dann darf es im Gottesdienst schon mal lauter werden. Dann muss eine vielköpfige Familie am Sommerfest sich ein Mittagessen leisten können. Dann müssen Jugendliche sich ihren Bereich selber gestalten dürfen. Selbstverständlich sind alle Kinder zum Abendmahl einzuladen.
Am 1. Oktober feiern wir Erntedank. Dazu gehört es auch, dass wir Gott für unsere Kinder danken, für ihre Lebenslust und ihr Geschrei, für ihren Freiheitswillen und ihre Respektlosigkeiten. Dafür, dass sie uns Herausforderung sind und Verpflichtung, Vision und Zukunft. Sie setzen uns in Bewegung. Sie halten uns auf Trab. Sie bringen uns an den Rand. Und jedem guten Christ sind sie auch Vorbild: "Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen." (Mt 18,3)
So gesehen wäre eine Gesellschaft, in der Kinder keinen Platz mehr haben, eine gottlose Gesellschaft. Danken wir Gott also für jedes Kind in unserer Kirchengemeinde und heißen es willkommen.
Ihr Pfarrer Jens Keil
Webandacht
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