Zur Besinnung kommen

Systeme sind in sich auf einander bezogen und sich selbst erhaltend. So lautet ein Gedanke der Systemtheorie. Das gilt für die Wirtschaft genauso wie für unser Tun und unsere Psyche. Was wir auch tun, wir bewegen uns immer in bekannten Bahnen. Wir nehmen nur wahr, was in unser Koordinatensystem passt. Solange wir nicht ausreichend „irritiert“ werden, ändern wir uns nicht – und sei das System noch so schlecht.
Nun – in der Wirtschaft gab es in den letzten Wochen gewaltige Irritationen. Unvorstellbare Summen haben sich in wenigen Börsenstunden ins sprichwörtliche Nichts aufgelöst. Urplötzlich ist der Staat gefragt. Urplötzlich finden sich 20 (!) Länder an einen Tisch – und oh Wunder – sie einigen sich sogar auf Maßnahmen. Ob es der Systemwechsel in Richtung einer gerechten Weltwirtschaft wird, darf bezweifelt werden. Zu hoffen aber wagt man doch auf einen kleinen Schritt dahingehend, den ungehemmten Kapitalismus zu zügeln.
Es bedarf also eines Anstoßes von außen, um Bewegung in die Sache zu bringen. Vielleicht geht Gott deshalb so ungewöhnliche Wege, um uns zu erreichen. Das Kind im Stall ist fürwahr irritierend – so irritierend wie der Mann am Kreuz und das leere Grab. Jesu Predigt und Tun irritierte die Menschen: Die Stärkung der Schwachen ist für die Mächtigen gefährlich. Vergebung und Versöhnung durchkreuzen die Definitionen von Schuld und Strafe. Liebe lässt sich nicht in ein System pressen. Das Kreuz aber ist Symbol dafür, dass der Mensch auch über Leichen geht, um das System zu erhalten. Doch mit der Auferstehung sprengt Gott das tödliche System.
Das beginnt schon mit dem Kind im Stall. Gott bringt die Menschen in Bewegung und ihre althergebrachten Denkmuster durcheinander: Im Kleinsein stark. In der Zerbrechlichkeit mächtig. In der (Mit)Menschlichkeit göttlich. Er stößt die Menschen an. Er ver-rückt sie, denn als Verrückte werden sie angesehen. Wer beugt schon vor einem Kind die Knie?
Irritierend. Gott sei Dank. Nur so gewinnt das Leben und wir werden aus der Gefangenschaft des Systems befreit.
Verlieren wir das nicht aus den Augen, wenn wir wie jedes Jahr und Weihnachten feiern.
Ihr Pfarrer Jens Keil




