Zur Besinnung kommen


 
Wie reden wir mit / über Gott?

"Du sollst dir kein Bild machen von Gott" – so lernt es jeder Konfirmand. Und doch finden wir in der Bibel eine Vielzahl von Gottesbildern. Am bekanntesten ist die Vorstellung von Gott als den "guten Hirten", der für seine Schafe sorgt. Jesus hat das "Vater unser" gesprochen und von Paulus wissen wir, dass wir Gott mit "abba" anreden dürfen, ein kindlicher Kosename für den Vater. "Ich bin der Herr, dein Arzt", so lesen wir von der Hoffnung auf Heilung durch Gott. Gott wird als "König" bezeichnet und ist mit "Herr" anzureden. Bei Jesaja heißt es: "Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet."

Um es klar zu stellen: Gottesbilder sind keine Bilder von Gott sondern der menschliche Versuch, eigene Erfahrungen mit Gott in Worte zu fassen. Natürlich sieht Gott nicht aus wie ein Patriarch, der mit wallendem Bart auf einer Wolke sitzt. Vielmehr sollen persönliche Gottesbegegnungen in Bilder gegossen werden, denn unsere Seelen und Herzen brauchen Bildern. "Gott ist für mich wie ein Vater, der mich liebt und der für mich sorgt." "Gott ist für mich wie ein Hirte, der mich leitet und behütet." "Gott ist für mich wie ein König, der über mich herrscht und für Gerechtigkeit sorgt."

Als persönliche Erfahrungen spiegeln die Gottesbilder der biblischen Autoren deren Lebenswelt wieder. In einer Agrargesellschaft hatte der Hirte einen alltäglichen Stellenwert. In der Monarchie zur Zeit Davids mit dem König als Stellvertreter Gottes auf Erden, wählte man entsprechende Bilder. In einer patriarchalen Gesellschaft sind die Gottesbilder meist männlich.

Das heißt aber, dass die biblischen Gottesbilder erfahrungs-, personen- und zeitgebunden sind. Wenn ich die Erfahrung nicht teile oder die Bilder nicht meiner Lebenswelt entsprechen, bleiben sie leer. So manche Frau hat Probleme mit männlichen Bildern. Ein Mädchen, das vom Vater missbraucht wurde, wird zeitlebens mit Gott als den "Vater" niemals Liebe und Fürsorge assoziieren, sondern Ausbeutung und Verletzung.

Gott ist weder männlich noch weiblich, sondern vereint alle Aspekte. Das zeigt sich darin, dass wir in der Bibel vereinzelt auch weibliche Gottesbilder finden. Da ist Gott als die tröstende Mutter. Das hebräische Wort für "Barmherzigkeit" wurde von dem Wort "Gebärmutter" abgeleitet. Die Menschen damals sahen darin keinen Widerspruch. Sie wussten, dass es so unterschiedliche Glaubenserfahrungen gibt wie Menschen. Wichtig ist nicht das gewählte Gottesbild, sondern der individuelle Erfahrungsgehalt.

Wer Gott begegnet, will darüber sprechen – mit Menschen und mit Gott. Dabei kann es hilfreich sein, sich traditioneller Gottesbilder zu bedienen. Wenn wir jedoch merken, dass uns die Menschen nicht verstehen oder die überlieferten Gottesbilder unseren Erfahrungen nicht entsprechen, sind wir frei, eigene Bilder zu suchen. Allerdings müssen wir dabei wissen, dass Gott immer mehr ist als unsere eingeschränkte Erfahrung. Als Christ habe ich den Erfahrungsinhalt auch immer am biblischen Kanon zu messen. Hauptsache aber ist, dass wir erkennen, dass unsere Gottesbilder als Kern unseres Glaubens der Schlüssel sind für unser Gebet und für unsere Rede über Gott. Schließlich haben wir einen Gott, mit dem wir reden können und über den wir reden müssen.

Jens Keil



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