Stellungnahme von Pfarrer Keil

 

Am 11. November nahm Pfarrer Keil vor der Bezirkssynode Stellung.

 

Stellungnahme in der Bezirkssynode am 11. November zu den Vorschlägen des Sonderausschusses zur Reduzierung der Pfarrstelle in der Lukasgemeinde um 25 Prozent.

1. Persönliche Bemerkung

Liebe Synodale, lassen Sie mich mit einer persönlichen Bemerkung beginnen: Ich habe 1989 angefangen in Tübingen zu studieren. Zum Sommer 1990 eröffnete uns der damalige Oberkirchenrat Frick, dass aus finanziellen Gründen nicht alle Theologiestudierenden in den Pfarrdienst übernommen werden können. Seit dem muss ich immer wieder an der Stelle, an der ich gerade im Leben stehe, mit Kürzungen und Streichungen umgehen. Im Gegensatz zu den meisten von Ihnen habe ich die fetten Jahre in der Landeskirche nicht kennen lernen dürfen.
- Und ich habe es satt. Ich kann nicht glauben, dass das alles ist, was die Landeskirche in diesen Zeiten tun kann: Kürzen, Schließen und Streichen. Jedes Mal, wenn es mich traf, blieb das schale Gefühl, dass kreative Vorschläge ungehört verhallten bzw. es einem schwer gemacht wurde, neue Wege zu beschreiten. Ach ja – nicht zu vergessen: Die Ohnmacht. Die habe ich besonders satt.

2. Die Betroffenheit der Lukasgemeinde


Nun – wie Sie sich denken können, sind wir in der Lukasgemeinde betroffen, frustriert und traurig. Ich will das trotzdem so sagen, obwohl Sie es sich denken können. Ich will es Ihnen auch nicht ersparen, die Lukasgemeinde vorzustellen, damit sie wissen, welche Pfarrstelle reduziert werden soll.

2.1: Die Lukasgemeinde ist eine tolle Gemeinde

Keine Angst: Ich gebe Ihnen keine Zusammenfassung unseres Visitationsberichts. Trotzdem will ich es sagen: Die Lukasgemeinde ist eine tolle Gemeinde. Ich kann das sagen, weil ich erst seit 3 Jahren da bin und die Lukasgemeinde schon vorher eine tolle Gemeinde war.

Ich will das mit Zahlen belegen:

1. In der Lukasgemeinde leben 94 Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren. 25 sind ehrenamtlich in der Jugendarbeit engagiert. Das heißt: Mehr als ein Viertel der Jugendlichen in der Lukasgemeinde sind Jugendmitarbeiter in der Kinderkirche, in den Jungscharen und Jugendgruppen, in der Bähnt etc. Wie viel Jugendliche wären das in Ihrer Gemeinde?

In den Jugendausschuss kommen immer über 15 Jugendliche. Immer ist ein Jugendmitarbeiter gewählter Kirchengemeinderat. In anderen Gemeinden hat der Pfarrer Rentner, die er anruft, wenn er Hilfe braucht. Ich habe Jugendmitarbeiter, die mir dann zur Hand gehen.
Das hat Gründe: Ein Grund ist dafür, dass jedes zweite Kind ab dem dritten Lebensjahr und ab dem 6. Jahr jedes Kind den Pfarrer auf der Straße erkennt, sei es evangelisch oder katholisch. Dafür sorgen wir durch intensive Kinder- und Jugendarbeit.

2. Die Lukasgemeinde hat einen Gottesdienstbesuch von knapp 10 Prozent über das Jahr hinweg (wir zählen jeden Gottesdienst). Dieser Gottesdienstbesuch wird erreicht durch intensive Gottesdienstarbeit. Der besondere Gottesdienst ist bei uns die Regel, der Perikopengottesdienst nicht.

 

3. Für den Mitarbeiterabend verschickt die Sekretärin über 120 Einladungen. Das sind 10 Prozent aller Evangelischen im Gehenbühl.
Diese drei Fakten, zeigen ihnen das Profil der Lukasgemeinde, auch ohne dass ich Ihnen aufzählen muss, was bei uns alles läuft.

2.2 Die Lukasgemeinde ist eine "moderne" Gemeinde

... und das ist durchaus kritisch gemeint. Die Lukasgemeinde ist insofern eine moderne Gemeinde, als dass die institutionelle Bindung der Gemeindemitglieder an die Kirche selbst eher schlecht ist.
In der Lukasgemeinde trifft der reformatorische Grundsatz nicht mehr zu, dass das Pfarramt die Person trägt. In der Lukasgemeinde trägt die Person des Pfarrers das Amt. Der Kirche fühlt man sich nicht verbunden. Der Lukasgemeinde und dem Pfarrer dagegen sehr.

Glauben Sie ja nicht, dass ich mich da zu wichtig nehme. Ich empfinde das eher als belastend – habe das aber so hinzunehmen. Das hat auch nichts mit mir zu tun, sondern war im Gehenbühl schon immer so.
Das heißt aber auch: Wir haben keinen CVJM. Wir haben keine Kerngemeinde, deren Familien schon seit 100 Jahren die gleiche Kirchenbank drücken. Es ist die Person des Pfarrers, seine Glaubwürdigkeit und seine Integrität, die bei einem großen Teil der Gemeinde entscheidend ist.

Das ist leider so in unserer Zeit, - und weil die Lukasgemeinde eine "moderne" Gemeinde ist, ist dort besonders der Fall.
Und natürlich gilt das für die Jugendarbeit. Jugendarbeit muss immer "Chefsache" sein. Jugendarbeit muss beständig und immer neu aufgebaut werden. Jugendarbeit tauscht sich in 5 Jahren komplett aus. Wenn man schläft – wenn ein paar Konfirmandenjahrgänge nicht gewonnen werden können, reißt der Faden ab und es kann sein, dass innerhalb von drei Jahren die Jugendarbeit am Boden liegt.
Und Jugendarbeit ist immer Beziehungsarbeit, hängt also an der Person und dessen intensiven Einsatz..

2.3 Lukasgemeinde ist eine Gerlinger Gemeinde

Wenn die Pfarrstelle der Lukasgemeinde gekürzt wird, trifft das Gerlingen – und zwar mehr als es sonst einen Distrikt trifft, wenn eine Gemeinde gekürzt wird.

Warum?

1. Im Moment hat der Lukaspfarrer ein Deputat über 8 Religionsstunden – er hält Religionsunterricht für die Petruspfarrer mit - so die Gerlinger Vereinbarung von 2001 als die Petruskirche stellvertretend für die Lukaskirchengemeinde die Reduzierung hingenommen hat. 4 Stunden davon werden nach der Reduzierung wieder zurück gehen an die Petrusgemeinde.

2. Der Pfarrer der Lukasgemeinde tut mehr für den Distrikt als es die Regel ist:

a. Krankheitsvertretung für Matthäus (Konfirmandenunterricht und Kasualvertretung) und Breitwiesenhaus

b. Pilotprojekt Konfirmandenunterricht für Drittklässler: 27 der 38 Kinder kamen aus der Petrusgemeinde.

c. Schulanfängergottesdienste für Petrus, Gott und die Welt, etc.

Es war nach dem Pfarrplan 2006 vereinbart, dass der Lukaspfarrer das tut. Nach einer Reduzierung wird das wieder – gemessen an dem Stellenumfang – auf das normale Maß zurück gestuft werden müssen. Dazu wird Pfarrer Braun gleich nach mir etwas sagen.
Wenn die Pfarrstelle der Lukasgemeinde gekürzt wird, trifft das Gerlingen – und natürlich auch den Bezirk. Ein Lukaspfarrer wird sicherlich nicht mehr Bezirksjugendpfarrer.

3. Fazit

Sehr verehrte Synodale, wir in der Lukasgemeinde sind betroffen, frustriert und traurig. Im Moment aber haben wir Ihnen auch keine bessere Lösung. Was wir aber wollen, ist, dass Sie und wir bis zum März genau prüfen, ob das wirklich der beste Weg ist.

Wenn Sie dann im März die Reduzierung der Lukasgemeinde beschließen, wollen wir, dass es Ihnen weh tut.

Und danach wünschen wir uns, dass wir endlich aufhören, weiter zu machen als sei nichts geschehen. In 5 Jahren werden wir wieder hier sitzen und den nächsten Pfarrplan diskutieren. Bis dahin aber haben wir Zeit uns neue Wege zu überlegen.

Wir können nicht glauben, dass wir nichts weiter tun können, als alle 5 Jahre darüber zu reden, welchen Finger wir uns jetzt wieder abschneiden wollen.

Es kann nicht sein, dass wir nächstes Frühjahr wieder zu Tagesordnung zurückkehren, die einen froh, dass es sie nicht getroffen hat, voller Mitgefühl, aber dann schnell verdrängend, die anderen frustriert. Wir wünschen uns, dass wir und vor allem der KBA im nächsten Frühjahr anfängt, sich über den Pfarrplan 2016 Gedanken zu machen. Wie kann den Gemeinden, die dann betroffen sein werden, schon jetzt geholfen werden.

Der Spielraum wird nicht größer – er wird immer kleiner. Das heißt aber: So viel Spielraum wie jetzt haben wir nie wieder. Ich danke Ihnen.