Die Lukaskirche

Die Lukaskirche bestimmt nicht nur das Äußere des Gerlinger Stadtteils Gehenbühl, sondern ist auch in das Leben seiner Bewohner integriert. Im Jahr 2009 wurde sie innen renoviert.

 

Bilder vom Bau der Lukaskirche finden Sie hier.

Die räumliche Trennung von Gerlingen machte in den 50er Jahren die Gründung der eigenständigen Kirchengemeinde Gehenbühl notwendig. 1958 gründete sich ein Kirchbauverein, der ein günstig gelegenes Gründstück für den Kirchbau erwarb. Den ersten Preis im Architekten-Wettbewerb gewann 1962 Dr.Ing. Walter Ruf aus Stuttgart. Mit dem Bau des Gemeindezentrums wurde 1965 begonnen. Vom ersten Spatenstich bis zur Einweihung vergingen 22 Monate. 1984 wurde das Pfarrbüro angebaut.

(Kopie 1)

Im Zentrum das Kreuz

 

„Aus dem Grau des Alltags“ kommt der Besucher „in eine wunderbare Geborgenheit“; so beschrieb Pfarrer Boy die Lukaskirche in der Jubiläumsschrifft anlässlich der Feierlichkeiten zu ihrem 25jährigen Bestehen. Diese klare Trennung der Räume war die Folge der dialektischen Theologie noch aus Kriegszeiten, die weit bis in die 60er Jahre das Denken der Christen bestimmte. Scharf wurde unterschieden zwischen dem Reich von dieser und von jener Welt. Die schweren Eingangstüren und das farblich abgesetzte dunkelgraue Gitter der Frontseite zogen eine sichtbare Grenze.

 

Die Welt ist komplizierter geworden. Sie lässt sich nicht mehr in zwei Lager aufteilen. Hat man früher theologisch das Reich Gottes als ausschließlich jenseitige Größe („im Himmel“) gedacht und geglaubt, so rückten in den vergangenen Jahrzehnten Jesu Aussagen in den Mittelpunkt, in denen das Reich Gottes in diese Welt hinein bricht (Mt. 12,28; Lk. 17,20).

 

Auch in der Lukaskirche sind die Grenzen durchlässiger geworden. Das Rot des Kirchenraums wird hinausgetragen in den Bereich vor der Kirche gleichsam in die Welt hinein. Andersrum wird das Licht der Welt hineingelassen. Das Telegrau lässt die Frontseite durchlässiger erscheinen. Das Gitter tritt farblich zurück und bindet die Türen ein, lässt sie leichter werden. Die Menschen kommen nicht mehr so selbstverständlich wie früher – also muss man ihnen entgegen kommen. Die Lukaskirche ist „extrovertierter“ geworden.

 

Das Rot durchzieht auch den Windfang rechts und links. Die Decke ist nicht mehr dunkelbraun sondern weiß lasiert. Auch die Holztüren zum Gottesdienstraum wurden aufgehellt. Ihre Funktion ist nicht mehr eine Grenze zwischen den Räumen zu ziehen, sondern – ganz im Gegenteil – die Räume miteinander zu verbinden und einzuladen, geöffnet zu werden.

(Kopie 3)

Beim Betreten des Kirchenraumes fällt der Blick des Besuchers sofort auf das Kreuz. Hell, leuchtend, strahlend bestimmt es den neuen Kirchenraum. Das leere Kreuz symbolisiert das „ganz andere“, das ewige Leben, den Sieg Gottes über Kreuz und Tod. Das Gold findet sich sonst im Raum nur im Leuchter der Osterkerze. Dieses Kreuz ins Zentrum des Raumrs zu rücken war ein Ziel der Renovierungsarbeiten.

 

Die größte bauliche Veränderung in der Lukaskirche ist die weiße Wand links von der Kanzel bis zur Empore. Nur in den ersten Monaten wird sie die Blicke der regelmäßigen Kirchengänger auf sich ziehen. Schnell wird man sich daran gewöhnen und merken, dass die Wand nur Funktion ist und keine inhaltliche Bedeutung hat. Sie reflektiert das Licht der neuen Beleuchtung, das die Lukaskirche durchströmt. Bei Tag korrespondiert sie mit der rechten Wand, deren Fensterfläche die größte natürliche Lichtquelle bietet. Helligkeit links und rechts sowie durch die Fensterlinie oben rahmen die Altarwand ein und sind ein weiterer Anreiz für den Besucher, die Aufmerksamkeit auf das Kreuz zu lenken.

 

Auch darin zeigt sich eine theologische Entwicklung. Die „alte“ Lukaskirche war ein „bergender Schoß“ für die Kirchengemeinde. Im Zentrum stand die Gemeinschaft des Gottesvolkes, das in der Geborgenheit geschützt und abgeschieden von der grauen Welt Gottesdienst feiert. Dieses Konzept passte auch zu dem Stadtteil Gehenbühl, der in sich homogen mit Menschen in der gleichen Lebensphase in den 60er Jahren entstand. Der enge Zusammenhalt der Ungardeutschen unterstützte das Gemeinschaftsgefühl.

 

Der neue Gehenbühl ist heterogener geworden. Menschen sterben, ziehen zu und auch wieder weg. Die Gesellschaft ist dynamischer geworden; Beziehungen und Gemeinschaften loser, brüchiger.

 

In der neuen Lukaskirche bleibt die Gemeinschaft wichtig. Doch gerade in einer Welt, in der wir die Zerbrechlichkeit menschlicher Beziehungen schmerzlich spüren, bedarf es einer Mitte, die „nicht von dieser Welt“ ist. Der gesellschaftlichen Veränderung will die renovierte Lukaskirche nicht nur durch die Beleuchtung Rechnung tragen, sondern auch in dem sie die Gottesdienstgemeinde auf das Kreuz ausrichtet und so die Botschaft vom österlichen – leeren! – Kreuz als Siegeszeichen Gottes über die Zerbrechlichkeit dieser Welt neu ins Zentrum nimmt.

 

Festgehalten wird bei allen Veränderungen daran, dass es erst der Heilige Geist und das Wort Gottes sind, die die Lukaskirche und die Gottesdienstgemeinde belebt. Insofern ist in der Lukaskirche alles beim Alten geblieben: Sie ist „nur“ ein Gefäß, das mit Leben erfüllt werden muss. Gebe Gott, dass kommende Generationen in dieser Lukaskirche viele festliche Gottesdienste feiern dürfen und so das Evangelium vom auferstanden Christus in die Welt tragen.

(Kopie 2)